Boxhandschuhe am Mattenboden

Von Samt- und Boxhandschuhen

Am Sonntag steht der feministische Kampftag an. Die Feminist Fighters Union (FFU) greift seit einigen Jahren in Wien das Patriarchat im Kampfsport an. mosaik-Redakteurin Agnes Sieben hat Romina von der FFU zum Interview getroffen.

mosaik: Was genau ist das Ziel der Feminist Fighters Union?

Romina: Wir sind ein Netzwerk und nun auch ein eingetragener Verein mit queerfeministischem Anspruch. Wir haben unseren Sitz in Wien und bestehen aus Kampfsportler*innen verschiedener Disziplinen, der Großteil von uns kommt aus den Bereichen Boxen, Thaiboxen, Kickboxen und BJJ. Wir haben Lust, das Patriarchat im Kampfsport etwas zu zerrütteln und am liebsten zu zerstören – die patriarchalen Strukturen, die auch in diesem Sport nach wie vor sehr dominant sind, vielleicht sogar dominanter als in anderen Sportarten. Wir wollen dies durch Vernetzung, Communityaufbau, Aktivismus, Öffentlichkeitsarbeit, Bildungs- und Sensibilisierungsarbeit erreichen – und ab und zu auch mal Radau machen.

mosaik: Wie sieht das konkret aus?

Romina: Wir betreiben viel Öffentlichkeitsarbeit über Social Media, um mehr Sichtbarkeit zu generieren. Wir wollen zeigen, dass es in diesem Sport sehr wohl auch genügend Feminismus und Kämpfer*innen gibt und so eine Gegenerzählung liefern. Wir haben auch immer wieder aktivistische Auftritte und Performances, gehen auf Demos und führen dort kleine Interventionen durch. Zum Beispiel am 8. März oder bei der Pride. Wir hatten auch österreichweite Aktionswochen, die „Feminist Fighters Week”, bei denen wir versuchen, in möglichst vielen Gyms Wissen über gendersensible Trainings zu verbreiten.

mosaik: Wie ist die FFU entstanden?

Romina: Zu Beginn waren zwei Personen zentral, die über Social Media Kampagnen begannen Erfahrungen von für FLINTA* (Anmerkung: Frauen Lesben Inter Nichtbinär Trans Agender*) Personen im Kampfsport zu sammeln und zu teilen und zu Austauschtreffen einzuladen. Daraus entstand die Idee, FLINTA*-only Sparring-Treffen zu organisieren. Das hat sich ziemlich rasch als sehr erfolgreich dargestellt. Seit einigen Jahren finden nun fast durchgehend monatlich Sparring-Treffen statt.

Sparring ist sozusagen spielerisches Kämpfen, also freie Partner*innenübungen, bei denen man zwar kämpft, aber in einem Miteinander. Das unterscheidet sich bei uns deutlich von vielen Gyms (Anm. Kampfsportstudios).

mosaik: Welche Erfahrungen mit Sparrings in anderen Gyms haben euch dazu gebracht?

Romina: Viele Personen haben die Erfahrung gemacht, dass eher hart und nicht sehr achtsam miteinander umgegangen wird – dass vor alle, Härte, Leistung und dieses Gegeneinander im Raum stehen. Nach wie vor ist die Realität, dass die Kampfsportwelt cis-männlich dominiert und dadurch von gewaltaffinen, mackrigen Männlichkeitsvorstellungen geprägt ist.

Als FLINTA*-Person ist es nicht immer leicht, sich dort wohlzufühlen. Entweder wird man mit Samthandschuhen angegriffen, weil gedacht wird, die halten gar nichts aus. Oder das Gegenteil passiert und es wird überhaupt nicht auf Gewicht und Größenunterschiede geachtet und drauf geballert.

Ich glaube, für TINA*-Personen (trans*, inter*, nicht-binär/abinär und agender, Anm. der Redaktion) ist das noch schwieriger – mit Outing oder überhaupt diese Räume betreten zu können. Ich kenne nur sehr wenige, die tatsächlich in kommerziellen Gyms trainieren.

mosaik: Was bedeutet die FFU dir persönlich?

Romina: Das Schöne ist, zu sehen, wie dieser Sport zunehmend feministischer und queerfeministischer wird und immer mehr Leute anspricht. Einerseits spricht er natürlich auch viele cis-Männer an, vor allem der MMA-Bereich (Mixed Martial Arts) und ist auch Teil, vor allem der männlichen, Jugendkultur geworden. Generell gibt es gerade einen Boom, vor allem bei Vollkontaktkampfsportarten. Gleichzeitig gibt es aber auch eine immer größer werdende feministische Kampfsportszene.

Beim Sparring sieht man einfach immer, wie viele Leute kommen. Es wird in Anspruch genommen. Sport ist natürlich auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Realität. Warum sollte es dort anders sein, was patriarchale Strukturen betrifft? Ich finde es schön, auch da reinzugehen und das zu ändern, weil Sport, glaube ich, für viele extrem empowernd sein kann.

mosaik: Warum eignet sich Kampfsport dafür besonders?

Romina: Kampfsport ist sehr vielfältig: Man braucht Kraft und Ausdauer, aber auch Koordination und Technik. Es stärkt auch die mentale Stärke. Mir hat das jedenfalls total geholfen. Ich gehe heute ganz anders über die Straße als noch vor ein paar Jahren.

mosaik: Ist das ein Grund, warum mehr FLINTA* Kampsport machen, zur Selbstverteidigung?

Romina: Ich würde Kampfsport und Selbstverteidigung nicht gleichsetzen. Mit der FFU machen wir auch sozialpädagogische Kampfsporttrainings mit Kindern und Jugendlichen. Wir haben ein Konzept erarbeitet und gehen damit in Jugendzentren. Natürlich kommt dann immer die Aussage: „Ja, ich trainiere Kampfsport, um mich auf der Straße verteidigen zu können.“…

Es passieren einfach grindige Sachen. Ich finde es legitim, wenn Leute sagen, sie trainieren diesen Sport, um sich sicherer zu fühlen und sich gegebenenfalls verteidigen zu können. Ich würde jedoch nicht unterschreiben, dass man nur, wenn man den Sport trainiert, sich besser verteidigen kann.

In unserem Verständnis der FFU beginnt Selbstverteidigung schon viel früher als in einem Sport. Da geht es darum, bei sich selbst anzufangen: Wer bin ich? Es geht darum, Stärken und Schwächen kennenzulernen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sich mit anderen auszutauschen, im Kollektiv zu sein und sich zu fragen: Wie stehe ich da? Usw. Das versuchen wir auch in unseren Selbstwirksamkeits- und Kampfsporttrainings so zu vermitteln.

mosaik: Wie geht ihr damit um, dass viele FLINTA* vermehrt Gewalterfahrungen gemacht haben?

Romina: Das ist ein wichtiger Punkt, den ich mir erwarten oder wünschen würde: Räume, in denen sensibel damit umgegangen wird, dass viele FLINTA*-Personen Gewalterfahrungen gemacht haben. Das kann gewisse Reaktionen auslösen, wenn ich in einem Vollkontaktsport trainiere. Das ist sicher nicht zu unterschätzen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer das war. Vor allem andere zu Schlagen war für mich schwierig. Zu akzeptieren, dass es okay ist, eine andere Person zu schlagen, aber in dem Moment sind wir uns einig, das zu tun.

mosaik: Was hilft dabei?

Romina: Für mich ist das immer eine Art der Kommunikation miteinander, sei es im Training, im Sparring oder im Kampf. In diesen Situationen achtsam, respektvoll und wertschätzend miteinander umzugehen, ist wichtig. Das ist auch etwas, das ich mir im Alltag wünsche.

Und ich glaube, das ist in dieser Kampfsportwelt oft sehr mangelhaft. Ich habe immer wieder die Erfahrung in kommerziellen Gyms gemacht, dass das nicht umgesetzt wird. Man wärmt sich auf und dann ist Sparring. Meistens stehe ich dann mit achtzig Prozent Dudes da, die noch größer und schwerer sind. Wenn man technisch besser ist, kompensieren die das mit Kraft. Das kann gefährlich sein. Das macht es schwierig und fördert das Verletzungsrisiko.

Ich sehe die Trainer*innen in der Verantwortung und halte den Rahmen für wichtig. Im Endeffekt bleibt mir in so einem Moment auch nicht viel anderes übrig, als entweder „Stopp” zu sagen und den Raum zu verlassen oder „Stopp” zu sagen und Feedback zu geben, was aber oft schwierig ist.

mosaik: Meinst du, dass Kampfsport für viele FLINTA* so lange weiterhin stark mit Gewalt assoziiert wird, bis sich das ändert?

Romina: Dass viele Leute Kampfsport mit Gewalt verbinden, hat sicher auch damit zu tun, wie Kampfsport präsentiert wird, also mit dem Zirkus, der da auch vor allem in der Wettkampf- und Profiliga betrieben wird. Ich muss ehrlich gestehen, dass mich diese Profiwelt nicht interessiert. Ich gebe mir das nicht: So Macker, die sich vor dem Kampf anpöbeln. Ich finde es auch nicht reizvoll einen Kampf zu sehen, der sofort in einem K.O. endet mit dem Ziel: „Hauptsache ich schlag dich nieder“.

mosaik: Wie sieht die Wettkampflandschaft in Wien aus?

Romina: Viele Events in Wien verherrlichen cis-männliche Stärke und Härte und es treten auch sehr problematische Leute in den Ring, also Personen, die islamistisch oder rechtsextrem sind. Diese Leute werden nicht ausgeladen.

Gleichzeitig gibt es aber auch immer mehr Turniere, die ein cooles Setting aufziehen und bei denen darauf geachtet wird, wer im Ring steht, wer Ref oder Judge (Kampfrichter) wird. Es gibt genug FLINTA* Personen in diesem Sport, genauso wie in der Musik-, DJ- oder Kabarett-Welt. „Da haben wir niemanden gefunden“. Das ist Blödsinn. Vernetzt euch, recherchiert und dann seht, dass es diese Personen gibt.

mosaik: Du hast vorhin eure sozialpädagogische Kampsporttrainings erwähnt. Was für Erfahrungen macht ihr dort?

Romina: Da Kampfsport mittlerweile ein fester Bestandteil der Jugendkultur ist, möchten wir Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, in weniger gewaltverherrlichenden und konkurrenz- und leistungsdruckorientierten Strukturen den Sport kennenzulernen.

In diesen Workshops arbeiten wir je nach Anfrage – geschlechterübergreifend oder nur FLINTA*. Oft sind die geschlechterübergreifenden Workshops aber sehr cis-männlich dominiert. Aber ja, ich glaube, wir irritieren jedes Mal, wenn wir als FFU auftreten. Dann sehen sie, dass es nicht nur der Macker ist, der diesen Sport ausübt. Wir wollen vermitteln, dass es nicht nur um Stärke geht. Es geht um Technik, Strategie und vieles mehr. Und macht im Endeffekt einfach Spaß.

mosaik: Ihr seit ein vereinsübergreifendes Kollektiv. Das heißt ihr trainiert im Alltag alle in verschiedenen Gyms. Wie reagieret der Rest der Wiener Kampfsportszene auf euch?

Romina: Wir versuchen auch immer wieder, in die Strukturen hineinzukommen, auch in die Verbandsstrukturen, und uns dort aufzuregen. Es ist keine besonders lustige Arbeit.

Und wo ich trainiere, muss ich ehrlich sagen, rede ich nicht viel über Politik oder mein Privatleben. Ich habe einfach wenig Vertrauen und mir fehlen dort Buddies, und ich fühle mich ein bisschen allein.

mosaik: Aber gibt es auch positive Beispiele?

Romina: Von anderen FFU Menschen weiß ich aber, dass die FFU positiv aufgenommen wird und auch die Trainer*innen dort die Arbeit sehr schätzen, aber es verändert sich langsam.

Ich glaube, wo wir immer wieder positives Feedback bekommen, ist von der FLINTA*-Community selbst. Sie sind froh über diesen Raum und nehmen die Erfahrungen von dort wieder mit in ihre Gyms.

Die Sparringtreffen haben z.B. auch immer wieder einen Politisierungscharakter, weil z.B. Pronomenrunden am Anfang oder die Frage, wie man gerade da ist und wie man sich heute fühlt, ist auch nicht für alle FLINTA*, die da kommen, bekannt.

mosaik: Stärkt die FFU also allgemein den politischen Charakter des Sports?

Romina: Wenn mir Leute sagen, dass Politik nichts mit Sport zu tun hat, dann würde ich sagen, dass das einfach nicht stimmt. Ich widerspreche da. Ich sage jetzt nicht, dass man jede politische Diskussion auf der Matte führen oder bei allem einen Konsens haben muss. Aber ich sehe schon, dass Sport per se politisch ist – angefangen von Gender, Körpern, Ableismus, Klasse, wie viel kostet so ein Verein? Das sind alles Themen, die in die Sportwelt einfließen und Barrieren bilden – dort, wie auch im Rest der Welt. Und da versucht die FFU auch einen Beitrag zu leisten am Patriarchat im Kampfsport zu zerschlagen.

Interview: Agnes Sieben
Bilder: Feminist Fighters Union

Die Feminist Fighters Union trifft sich zum 8. März um 11:00 zu einem FLINTA*-only Training. Alle Infos findet ihr hier. Außerdem findet am 7.3. ein TINA* und am 14.3. ein FLINTA*-Sparring statt. Informationen dazu gibt es auf der Website.

Weitere Beiträge

Teilen & Helfen

Spenden & Helfen

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Ut elit tellus, luctus nec ullamcorper mattis, pulvinar dapibus leo.