Das Bild zeigt Jean Ziegler mit Vertreter*innen von Fridays for Future Vienna, gemeinsam auf einer Parkbank sitzend und sich unterhaltend.

Kapitalismus, Klima, Widerstand – Erinnerungen an Jean Ziegler

Der kürzlich verstorbene Schweizer Kapitalismuskritiker und UN-Sondergesandte Jean Ziegler traf im April 2019 vier Wiener Vertreter*innen von Fridays for Future. Der damals 19-jährige Maximilian Fuchslueger war einer von ihnen. Wie er auf die außergewöhnliche Begegnung zurückblickt und was ihn bis heute an Zieglers Denken inspiriert, formuliert er in seinem Nachruf.

Jean Ziegler ist über die Schwelle getreten. Am 10. Juni 2026 erreichte mich die Nachricht in der Straßenbahn, während ich durch meine Timeline scrolle. Einer der großen Gerechtigkeitskämpfer unserer Zeit ist verstorben. Ich rufe einen Freund an – nicht nur aus Trauer, sondern weil uns eine Begegnung mit Ziegler verbindet, über die wir bis heute sprechen. Wir erinnern uns gut.

Frühling der Mobilisierung

Frühjahr 2019, zweites Semester meines Philosophiestudiums in Wien. Durch mein Engagement für Klimabildung und einige glückliche Zufälle lande ich im inneren Kreis von Fridays for Future (FFF) Wien. Woche für Woche überschlagen sich die Ereignisse: Plakate am WG-Küchentisch entwerfen, Pressaussendungen verfassen, Mails, die uns aus allen Ecken des Landes erreichen. Hinzu kommen Treffen mit dem damaligen Bundespräsidenten, dem Bundeskanzler, der Umweltministerin. An FFF kam politisch damals niemand vorbei.

In dieser Hauptphase wirkt die Anfrage, Jean Ziegler zu treffen, fast wie eine Nebensächlichkeit. Er ist in Wien, um sein neustes Buch „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ vorzustellen. Es ist nicht nur der provokante Buchtitel, sondern auch die Begeisterung eines Mitstreiters: ich sage zu. Am 4. April 2019 sitze ich mit Ziegler auf einer Parkbank. Vielleicht ist es die große Fernsehkamera und das Redaktionsteam des Standard, die mir die Besonderheit dieses Treffens vor Augen führen. Kameras begleiten uns Klimastreikende damals zwar oft, doch diesmal gilt ein Gutteil der Aufmerksamkeit Ziegler. In lockerer Atmosphäre auf zwei Bänken im Park beglückwünscht er uns für unsere Erfolge und spricht über seine Einsichten erfolgreicher Proteste und Kampagnen. Zieglers Ausstrahlung beeindruckt mich.

Das Treffen reiht sich damals in einen Frühling voller Höhepunkte: Zwei Wochen zuvor protestieren wir mit über 30.000 Menschen auf der Wiener Ringstraße und auf dem Ballhausplatz. Eine Woche nach unserem Gespräch überreicht uns der Bundespräsident den 4 Game Changers Award in der Marx-Halle – wir geben ihn aus Protest gegen das OMV-Sponsoring der Veranstaltung zurück.

Von der Praxis zur Theorie

Im Rückblick ist es diese knappe Stunde, die mein Denken bis heute prägt. Damals fand ich keine Zeit, die signierte Ausgabe seines Buches zu lesen. Zu beschäftigt war ich damit, Netzwerke zu knüpfen und nächste Schritte des Protests zu planen. Erst das Abebben der Klimabewegung, die Zuspitzung autoritärer Herrschaftsverhältnisse sowie eskalierende Krisenherde weltweit brachten mich dazu, nicht nur in der Praxis des Protests zu verharren, sondern auch Theorien der Unterdrückung zu studieren. Zieglers Werke wurden dafür ein Ausgangspunkt.

Doch ein Satz irritierte mich bei unserem Treffen: Ziegler sagte, dass er „nicht an eine unblutige Revolution glaube“. Wir von Fridays for Future waren dagegen von Gewaltfreiheit überzeugt und erlebten die Kraft zivilen Ungehorsams. Die Einsicht, dass Schulstreiks zwar den öffentlichen Diskurs prägen können, tiefgreifende politische wie ökonomische Veränderungen aber weit mehr verlangen, kam uns erst später. Die Verstrickung der Klimakrise mit einem Kapitalismus, der auf Wachstum, Ausbeutung und Umweltzerstörung beruht, waren mir in Grundzügen bewusst. Wie stark die Beharrungskräfte dieses Wirtschaftssystems sind und wie sehr politische Interessen daran hängen, wurde mir jedoch erst in den letzten Jahren wirklich klar.

Reformismus statt Revolution?

Zieglers Werke halfen mir für eine sachliche Einordnung: politische Scheitern ist nicht notwendigerweise Ausdruck falscher politischer Praxis, sondern eben auch systemimmanent. Nach FFF gründeten wir die Erde Brennt-Bewegung und besetzten Universitäten in ganz Österreich. „Krise hat System“ stand auf unseren Bannern.

Rückblickend wird mir klar, dass sich Ziegler den Widersprüchlichkeiten von FFF bewusst gewesen sein musste. Schließlich hatte FFF nie ein dezidiert revolutionäres Moment. Mit dem Bezug auf internationale Klimaabkommen und appellierenden Protest bewegten wir uns im Reformismus.

Dass wir als Gesellschaft den grünen Kapitalismus nicht nur halbherzig umsetzen, sondern auch noch viele der klimapolitischen Errungenschaften der letzten Jahre schrittweise rückgängig machen, unterstreicht dieses Scheitern. Zugleich sah Ziegler die immense Kraft der damaligen Jugendmobilisierung. Er gab uns Rückenwind – wohl im Wissen, dass der Kapitalismus nicht nur neue Krisen hervorbringt, sondern auch neue Formen von Protest und Widerstand.

Die Gewalt des Systems

Und damit zur Frage, die mich seitdem begleitet: Wird die kommende Revolution eine blutige, wie Ziegler mutmaßte? Damals verneinte ich, aus meinem rückblickend eher naiven Verständnis von Gewaltfreiheit. Heute kann ich die Perspektiven Gandhis sowie von Malcom X in mir abgebildet finden und sehe eine Differenzierung als wertvoll. Die „kannibalistische Weltordnung“, so Ziegler, ist selbst eine blutige. Historisch wie auch mit Blick auf die Gegenwart ist Widerstand in vielen Teilen der Welt längst mit Gewalt konfrontiert. Nicht aus freien Stücken, sondern aus Notwendigkeit. Doch Ziegler hat Gewalt nie romantisiert, sondern vielmehr analysiert, welche Gewalt diese Ordnung erzeugt – und welche Zwänge daraus entstehen.

„Um jene Weltordnung des Kapitalismus zu stürzen“ – um mit Zieglers Worten zu sprechen – gilt es, individiell wie auch kollektiv zu prüfen, welche Handlungsspielräume zur Verfügung stehen, um die erkannten Freiheiten zu nutzen. Diese Fragen drängen sich sowohl aus dem moralischen Inneren als auch aus den Krisen der Gegenwart auf.

Jean Ziegler hat das Ende des Kapitalismus, wie er es sich wünschte, nicht mehr erlebt. Doch er konnte aus seinen Fragen heraus Antworten formulieren und hat so stets Risse in der Mauer gesucht. Mögen wir ebenso aufmerksam spähen und lauschen wie Jean Ziegler, der auf den letzten Seiten seines Buches „Ändere die Welt“ Karl Marx zitiert: „das Gras wachsen hören“.

Titelfoto: Fridays for Future Vienna

  • Maximilian Fuchslueger ist Absolvent der Philosophie an der Universität Wien und Masterstudent der Global Studies mit Spezialisierung in Friedensforschung an der Universität Graz. Lange Jahre aktiv in der Klimabewegung hat er u.a. die Protestgruppen Fridays For Future Wien und „Erde Brennt-Unis besetzen“ mitinitiiert.

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