Fünfzig Jahre nach der ersten Besetzung ist das Kulturzentrum Spittelberg im Amerlinghaus erneut bedroht. In den vergangenen Monaten waren Flora Fitzenreiter und Gabriel Rolland bei Treffen und Veranstaltungen und haben Aktivist*innen, Angestellte sowie Nutzer*innen des Ortes interviewt. Welche Auswirkungen haben die Budgetkürzungen der Stadt und wie können gemeinsamer Widerstand und Mobilisierung gelingen?
*** Dieser Artikel wurde ursprünglich auf englisch verfasst. Die Original-Version findet sich hier. Für die Übersetzung und etwaige Fehler ist die mosaik-Redaktion verantwortlich. ***
Das Amerlinghaus ist ein einstöckiges Haus aus alten Ziegelsteinen und liegt im zentralen Wiener Stadtteil Spittelberg. Betritt man es durch einen der Bögen, gelangt man in den Innenhof, der die Stiftgasse mit der Schrankgasse verbindet. An den Wänden des Innenhofs hängen Kunstwerke und bunte Plakate, die bevorstehende Veranstaltungen ankündigen. In jüngster Zeit zeugen Banner mit den Slogans „Amerlinghaus bleibt“ und „Krise braucht Kultur“ von einem Zustand der Mobilisierung.
Eine kurze Geschichte des Amerlinghauses
Das Amerlinghaus wurde in den 1970er Jahren erstmals besetzt, um gegen die Vertreibung der Bewohner*innen durch die Stadt und die damit einhergehende Gentrifizierung Spittelbergs zu protestieren. Der Ort entwickelte sich schnell zu einem selbstorganisierten Zentrum und gewann zunehmend an Bedeutung in Wien. Er diente öffentlichen Veranstaltungen. Aktivist*innen, Künstler*innen sowie Sozialarbeiter*innen fanden dort einen Raum. Auch heute beherbergt das Amerlinghaus eine Vielzahl kultureller Initiativen und politischer Gruppen sowie einen selbstorganisierten Kindergarten. Darüber hinaus sind dort verschiedene NGOs angesiedelt. Sie setzen sich für Frauenrechte ein, fördern die Integration von geflüchteten Menschen und Asylsuchenden in Österreich und erleichtern benachteiligten sozialen Gruppen den Zugang zu Kultur.
Bis vor kurzem wurde das Amerlinghaus von der Stadt Wien subventioniert und verfügte über ein Büro mit festangestellten, bezahlten Mitarbeiter*innen. Im Jahr 2025 kündigte die Stadt Wien jedoch drastische Budgetkürzungen für Sozialarbeiter*innen, Lehrer*innen und Künstler*innen an. Von ihnen ist auch das Kulturzentrum betroffen. Dies führte zu verschiedenen Aktionen und Protesten, welche die Kürzungen als neoliberale Angriffe auf die Sozialarbeit und den öffentlichen Sektor angeprangern. Heute, ganz im Sinne des seit 50 Jahren bestehenden Aktivismus, leistet das Kulturzentrum erneut Widerstand.
Vor den Kürzungen im Jahr 2026
In den 1970er Jahren kam es zu einem Anstieg sozialer Bewegungen. Die Forderungen der Bürger*innen wurden lauter und es kam zu Hausbesetzungen in Österreich. Vor diesem Hintergrund erwiesen sich Subventionen für die Stadt Wien als wirksames Instrument. So konnten militante Gruppen und als subversiv oder gefährlich wahrgenommene besetzte Orte aus städtischer Sicht besser kontrolliert und verwaltet werden. Im Fall des Amerlinghauses legalisierte die Stadt Wien die Besetzung. Ein Mietvertrag wurde unterzeichnet. Insgesamt entsprach diese politische Institutionalisierung einem Modell der Stadtpolitik, das auf Konfliktvermeidung, Kooptierung und selektiver Ein- bzw. Ausgrenzung beruhte. Zugleich war diese Regelung auch für die Aktivist*innen in zweierlei Hinsicht von Vorteil. Erstens sorgte sie für mehr Stabilität. Das Risiko einer direkten Räumung bestand nicht mehr. Zweitens ermöglichten die Zuschüsse den Aktivist*innen, durch die Gewährung einer relativen Autonomie, selbst zu bestimmen und politisch zu gestalten, wie die Care-Arbeit organisiert werden sollte.
Wehmütige Erinnerungen
An einem ruhigen Nachmittag im Februar 2026 trafen wir uns im Amerlinghaus mit Emma* zu einem Interview. Sie war früher im Kulturzentrum tätig und engagiert sich seit Jahrzehnten gegen Rassismus. Etwas wehmütig erinnerte sie sich daran, dass es bis Ende der 1990er Jahre „nicht so schwer war, von der Stadt Geld für Projekte zu bekommen“. Sie sagte, dass sie damals viel mehr auf die Beine stellen konnten. Sie erzählte uns auch, wie sich die Situation für sie nach und nach verschlechterte.
Bereits im Jahr 2004 waren die Aktivist*innen gezwungen, Personal abzubauen und Einsparungen vorzunehmen. Im Jahr 2009 spitzten sich die schon seit einiger Zeit angekündigten finanziellen Probleme zu. Das Fehlen einer Inflationsanpassung, die direkt zwar nicht sichtbar ist, aber sehr konkrete Folgen hat, machte es den Mitarbeiter*innen des Amerlinghauses zunehmend schwerer. Die Fixkosten stiegen. Die Rahmenbedingungen wurden bürokratischer. Hatte die Stadt Einrichtungen wie dem Amerlinghaus in den 1970er Jahren noch eine gewisse relative Autonomie gewährt, so ging der Trend immer mehr hin zu einer direkteren Kontrolle. Die Stadt Wien möchte die Regeln zunehmend selbst festlegen und Einfluss nehmen. Dadurch geraten die Aktivist*innen immer mehr unter Druck, ihre Projekte den Erwartungen der Stadt entsprechend zu gestalten.
Amerlinghaus in Gefahr
Ganz allgemein gewann im Wiener Regierungsmodells eine neoliberale Ausrichtung zunehmend an Bedeutung. Sie setzt auf Haushaltsdisziplin, wirtschaftliche Rentabilität und bürokratische Kontrolle. Die Haushaltskürzungen für das Jahr 2026 machen das deutlich. Betroffen sind viele Bereiche, die als „nicht profitabel“ gelten. Dazu zählt beispielsweise die Kultur, die für viele Menschen jedoch unverzichtbar ist. Die Kürzungen der öffentlichen Zuschüsse für soziale und kulturelle Aktivitäten zielen jedoch auch auf etwas anderes ab. Die Stadt will die Kontrolle über deren Bereitstellung zurückzugewinnen. Ein Beispiel hierfür ist das Amerlinghaus. Die Kürzungen ebnen zudem den Weg für Privatisierungen. Sie beeinträchtigen die Qualität öffentlicher Dienstleistungen. Schließlich betreffen die Kürzungen neben dem Amerlinghaus zahlreiche weitere soziale Bereiche und verschärfen die Austeritätsmaßnahmen in Wien.
Die Aktivist*innen im Amerlinghaus sehen sich mit wachsenden finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert. Mitarbeiter*innen zu beschäftigen, ist nicht mehr möglich. Das Amerlinghaus erleichtert einigen NGOs ihre Arbeit erheblich. Es stellt kostenlose, leicht buchbare und für Wiener*innen zugängliche Räume bereit. Diese NGOs sind oftmals sowohl direkt als auch indirekt von den Kürzungen betroffen.
So nutzt die „Vereinigung für Frauenintegration“ das Haus derzeit vormittags. Die Vereinigung hilft Frauen dabei, Deutschzertifikate zu erwerben, die für eine Beschäftigung in Österreich erforderlich sind. Wir haben mit zwei Mitarbeiter*innen der NGO ein Interview geführt. Sie schilderten uns, welche Auswirkungen eine Schließung des Amerlinghauses auf ihre Arbeit hätte: „Wenn wir diese Räume jetzt verlieren, wissen wir nicht, wohin wir gehen sollen. Dann müssten wir mehr Fördermittel beantragen, um andere Räumlichkeiten mieten zu können. Aber angesichts der aktuellen Sparmaßnahmen wird uns niemand so viel mehr Geld geben. […] Es ist also eine äußerst prekäre und extrem belastende Situation für uns.“
Schwindende Wertschätzung
Insgesamt haben Sozialarbeiter*innen und Aktivist*innen das Gefühl, dass ihre Arbeit von der Stadt Wien nicht mehr wertgeschätzt und anerkannt wird. Es ist eine Verschiebung bei der kommunalen Unterstützung für bestimmte Aktivitäten der sozialen Reproduktion zu beobachten. Mit sozialer Reproduktion ist der Prozess gemeint, durch den Arbeitskraft und – im weiteren Sinne – menschliches Leben in einer bestimmten Gesellschaft (wieder-)hergestellt werden.
Wie die Wissenschaftlerin und politische Theoretikerin Cindy Katz argumentiert, findet soziale Reproduktion „sowohl generationsübergreifend als auch im Alltag statt, durch den Erwerb und die Verteilung der Existenzgrundlagen, darunter Nahrung, Unterkunft, Kleidung und Gesundheitsversorgung.“ Dies kann vielfältige Formen annehmen. So können beispielsweise Sprachkurse oder Gesundheitsversorgung kostenlos angeboten und vom Staat finanziert werden. Oder aber sie werden über den Markt vermittelt und verursachen für Einzelpersonen direkt Kosten. Das heißt, sie werden zur Ware.
Die Mitglieder von NEOS und SPÖ, die Teil der derzeitigen Regierungskoalition in Wien sind, begründen die Kürzungen mit notwendigen Einsparungen der Stadt. Für Aktivist*innen und NGO-Mitarbeiter*innen ist die Frage der Finanzierung hingegen kein Sachzwang. Sie betrachten sie als politische Entscheidung darüber, welche Aktivitäten zugänglich gemacht und geschätzt werden und welche nicht. Genau aus diesem Grund haben sich die Aktivist*innen entschlossen, zu mobilisieren.
Mobilisierung neu denken
Im Dezember und Jänner des vergangenen Jahres kam es zu verschiedenen Protesten gegen die Kürzungen. Aktivist*innen versuchten zudem, ein direktes Gespräch mit den Verantwortlichen im Stadtrat zu führen. Im Fall des Amerlinghauses führte das Fehlen einer Räumungsdrohung dazu, dass nach neuen Wegen für eine langfristige Finanzierung gesucht wurde. Es fanden zahlreiche Solidaritätsveranstaltungen statt. Sie brachten Dutzende Menschen zusammen und trugen zur Spendensammlung bei.
Doch die Mobilisierung war auch von Zweifeln und Hindernissen begleitet. Einige Aktivist*innen äußerten diese gegenüber uns. Emre, eine in Österreich lebende türkische Aktivistin erzählte bei einem Treffen, dass sich ihrer Meinung nach eine „Wir-gegen-die“-Einstellung gebildet habe: „Mir scheint, dass die Mitarbeiterinnen des Amerlinghauses kein Gefühl dafür vermitteln konnten, dass ‚wenn es mit uns vorbei ist, ist es auch mit euch vorbei‘, stattdessen sagten sie: ‚Kommt schon, Bürger*innen, wir sind in einer sehr schlechten Lage.‘“
Die Zugangsbarrieren zu den Räumlichkeiten und Veranstaltungen des Amerlinghauses sind niedrig. Dies allein scheint nicht auszureichen, um das gemeinsame Gefühl der Mitverantwortung zu erzeugen, das für kollektiven Widerstand erforderlich ist. Dies ist wahrscheinlich die Konsequenz, die mit Professionalisierung und Aufgabenspezialisierung einhergeht. Eine solche Konsequenz kann nicht spontan überwunden werden, ohne dass Menschen bewusst organisiert und nicht nur lose zur Mobilisierung aufgerufen werden.
Und diese Organisierung braucht Zeit, wie Emma bemerkt: „Ich glaube, die Idee, dass die Stadt das Amerlinghaus finanziert, ist vorbei. Wir erleben eine Welle, die die sozialen Rechte und das soziale Wien zunichte macht. Das ist das Ende. Es ist nicht nur das Ende des Amerlinghauses […]. Das Gute daran ist, dass viele Menschen kommen, dass viele Menschen besorgt sind und dass viele Menschen ihre Ideen einbringen. Sie diskutieren: Was können wir tun? Können wir die Finanzierung anders auf die Reihe kriegen? Können wir das Haus ohne Mitarbeiter betreiben? Es ist ein Prozess. Ich glaube, es gibt eine neue Generation. Vielleicht haben sie andere Ideen oder politische Konzepte. Vielleicht sind sie motiviert oder engagiert genug, um Lösungen zu finden.“
Neue Wege für das Amerlinghaus
Auch wenn das Amerlinghaus heute noch existiert, ist seine Zukunft ungewiss. Zwar übernimmt die Stadt noch bis zum Jahresende die Miete für das Gebäude. Doch niemand weiß, was passieren wird, wenn diese Unterstützung ausläuft. Bereits jetzt haben die Budgetkürzungen das Kulturzentrum dazu gezwungen, sich ohne festangestellte Mitarbeiter*innen vollständig selbst zu organisieren. Die notwendigen Aufgaben erledigen jetzt Aktivist*innen und Nutzer*innen ehrenamtlich. Dies bedeutet einen Rückschlag – aus bezahlter wurde unbezahlte Arbeit. Auf der anderen Seite eröffnet eine vollständige Selbstorganisation vielleicht auch neue Wege des Widerstands und der sozialen Mobilisierung. Auf diesen Wegen braucht das Amerlinghaus weiterhin und auch neue Unterstützung.
*Alle Namen in diesem Artikel wurden geändert.
Titelfoto: Gabriel Rolland