Leona Sophia Strakerjahn ist Künstlerin und Kulturschaffende. mosaik veröffentlicht ihren Text „we have no time we must be patient“ – einen auto-fiktiven Reisebericht aus Rojava aus dem Jahr 2024.
Der Reisebericht erzählt die Autofahrt einer Internationalistin im Jahre 2024 durch den Nord-Osten Syriens – auch Rojava genannt. In einer Zeit von sich intensivierenden globalen Kriegen und dem Wiederaufleben revolutionärer, internationalistischer Bewegungen schafft der Text eine gedankliche Brücke zwischen Österreich und der Autonomen Selbstverwaltung in Rojava und erzählt so von den Erlebnissen der Autorin, den Widersprüchen der Revolution, von Tradition, Krieg, Fürsorge und dem langsamen, aber stetigen Kampf gegen die Kälte. (Am Ende des Texts finden sich Anmerkungen zu einzelnen Begriffen.)

ich sitze im auto richtung raqqa
der ehemaligen hauptstadt von daeş
dem sogenannten islamischen staat
vor dem fenster des autos
ziehen felder voller müll vorbei
dampfender müll in der sonne
wie schnee oder asche liegt er da
bedeckt großflächig den boden
auf dem schafe herumstehen
als würden sie grasen
darüber ein schwarm vögel
dann verschwindet der müll in der ferne
vor dem auto liegen
sanfte braun gelb rote hügel in der sonne
dazwischen schwarz mellierte felder
abgebrannte ackerflächen
wie angemalt sehen sie aus
zwischen den hügeln
kleine lehmhaus siedlungen
auf den dächern solar panele
auf dem boden vor den eingängen der hütten
sitzen alte frauen und
schauen dem auto prüfend hinterher
in rojava
sind die tage lang
und die monate kurz
schreibe ich in mein tagebuch
als ich in nordost syrien ankam
war es noch winter und
die straßen noch voller matsch
ich fand die landschaft nicht besonders schön
hässlich sogar
doch je länger ich hier bin
desto mehr lerne ich
die schönheit zu finden
in diesen schlichten weichen formen
der monochromen landschaft
den wenigen aber hartnäckigen pflanzen und
auch die kurdische sprache
lerne ich zu lieben
sie ist wortmalerisch
fast poetisch
gleichzeitig schlicht
direkt
es wird nicht viel im kreis
um etwas herum geredt
wie ich es aus dem deutschen kenne
revolution bedeutet
auf kurdisch
şoreş
şo von (bi)şo
waschen
reş heißt
schwarz oder dunkel
die dunkelheit wegwaschen
wenn ich schöne wörter lerne
schreibe ich sie in mein tagbuch und
freue mich drauf sie dir irgendwann zu zeigen
neben mir im auto
sitzen drei andere europäerinnen
eine südamerikanerin
und eine arabische frau
wir besuchen verschiedene
zivilgesellschaftliche organisationen
fahren von stadt zu stadt
als wir durch einen checkpoint rollen
klopft ein wachsoldat an unsere scheibe
unser fahrer kurbelt das
fenster runter
könnt ihr wen mitnehmen?
fragt uns der soldat
zeigt auf eine frau hinter sich
tamam sagen wir und
rücken zusammen
kajîn reist per anhalter und
muss auch nach raqqa
sie fragt uns
wo wir herkommen
wo ist es schöner?
fragt sie mich
in österreich oder in rojava?
ich lache und sage
in österreich gibt es mehr geld
mehr bäume und mehr wasser
dafür sind die menschen in rojava herzlicher
auch sie lacht
5 autos überholen uns
sie haben abgedunkelte scheiben und sind gepanzert
kajîn murmelt irgendetwas auf arabisch
der fahrer nickt
die UN
sagt er
kajîn hält sich erst
die augen zu
dann die ohren
und den mund
die sehen nichts
die hören nichts
die sagen nichts
ich frage sie
was ihr name bedeutet
wo ist das leben
sagt sie
ka heißt wo
jîn von jîyan
leben

vor dem fenster unseres autos
ziehen ölfelder vorbei
die pumpen bewegen sich mechanisch auf und ab
mit dem geruch schwemmt eine erinnerung in meine gedanken
einer der ersten abende nach meiner ankunft
ein warmer stinkender dieselofen
an der wand ein bild der anarchistin emma goldman
scharfes essen süße früchte dunkler çay
ich werde gefragt
was meine tattoos bedeuten
zeige den anderen meine arme
mir wird erklärt dass
viele alte frauen in syrien
tattoos tragen
hundertfüßler und sonnen
auf dem gesicht und an den händen
die symbole stärken
bringen glück oder
bieten schutz
daq
heißt diese tradition
ich erzähle die geschichten meiner tattoos
was sie für mich bedeuten
i speak in order to locate myself near you
liest eine frau das tattoo an meiner hand vor
sie blickt es eine weile ruhig an und
erzählt dann dass sie vor zwei tagen
aus einem assad gefängnis entlassen wurde
2 jahre gefangenschaft hat sie hinter sich
sie beschreibt wie sie im gefängnis begann
mit sich selbst zu reden
um ihre gedanken mit jemandem teilen zu können
„wenn es heißt
alle hätten ihre eigenen wahrheiten
soll das heißen
dass es im grunde garkeine wahrheiten gibt“
schreibt abdullah öcalan
sagt sie
ich habe im gefängnis begriffen
was isolation bedeutet
wir diskutieren
die wichtigkeit
sich auszutauschen
sich in beziehung zu setzen
gemeinsam bedeutung zu erschaffen
wenn wir
unsere gedanken nicht teilen
beginnen sie
stehen zu bleiben
in der darauffolgenden nacht bin ich dir im traum begegnet
ich saß in einem flieger
richtung europa
von oben sah ich es aus der ferne
grün und saftig lag es da
vor der untergehenden sonne
sanfte nebelschwaden zogen durchs land
deckten die riesigen städte zu
die zwischen den bergen lagen als würden sie schlafen
nur vereinzelt ragten baumwipfel und dächer daraus empor
die konturen der häuser waren weichgezeichnet angenehm unklar
unser flugzeug
tauchte in den nebel ein
landete weich
als ich ausstieg
standest du da
mitten im kalten nebelmeer
du hattest blumen dabei deren bunte farben durch die schwaden leuchteten
wir umarmten uns lange vor freude uns wiederzusehen
fast ein jahr hatten wir nicht gesprochen
wir gingen gemeinsam zum auto
ich wollte dich fragen wie es dir geht
was du heute gemacht hast doch
der nebel verwirrte meine gedanken
mir war es als würde er sich sanft um einzelne gedanken herum legen
halb zu ende gedacht blieben sie darin stecken
ich bin müde
es ist kalt
sagte ich
natürlich
es war ein langer flug
antwortest du
aus deinen augen leuchtete ein warmes licht
woher kommt all dieser nebel?
fragte ich
du nahmst meine hand
lauf nicht noch tiefer hinein
morgen früh wird es wieder etwas wärmer sein
unser fahrer hält an einer tankstelle
wir steigen aus um unsere beine zu vertreten
ich gehe kaffee holen
an einem dieser kaffeewägen
die hier an jeder kreuzung stehen
plötzlich
rennen zwei kinder an mir vorbei
lachend laufen sie einem huhn hinterher
es scheint dringend dass sie es bald einfangen
das huhn hat lange schöne starke beine und rennt
ich schaue ihnen nach
wie sie alle gemeinsam den hügel hinunter stolpern
durch ein vertrocknetes flussbett hindurch
zwischen den steinen über die sie springen
wächst portulak
ich frage mich ob du portulak kennst
in europa ist es ein unkraut
wird selten gegessen
aber du kennst dich gut aus mit pflanzen
pirpar oder firfir nennen es die menschen hier
wenn gott dir nichts gibt
gibt dir die erde pirpar
hat mir ein alter schäfer vor ein paar tagen gesagt
in den fleischigen dicht wachsenden kleinen blättern speichert es wasser
pirpar gilt als als kühlend entzündungshemmend durststillend
und ist anscheinend wegen seinem hohen eisen anteil
gesund fürs herz
als ich mit dem kaffee in der hand zum auto zurückkomme
reden die anderen gerade
über ihre schwierigkeit
die dinge die sie hier sehen
gut begreifbar zu machen
wie davon erzählen?
was davon zurück tragen?
kajîn spielt währendessen
mit einer frechen straßenkatze
yalla
sage ich
wir steigen ins auto ein
drehen die klimaanlage auf
und fahren weiter
aus dem radio tönt
ein arabisches volkslied
kajîn summt leise mit
meine nebensitzerin ist eingeschlafen
der rosenkranz unseres assyrischen fahrers
klimpert am rückspiegel
die meisten angriffe hier in nord-ost syrien finden auf autos statt
die türkei bombadiert die autos am tag
wenn sie für die drohnen gut sichtbar sind
daeş greift die autos bei nacht an
versteckt sich in den straßengräben
die bewegungsfreiheit wird genauso angegriffen
wie die bewegung der gedanken

seit acht monaten
bin ich in rojava und
du fragst mich immernoch
in jeder deiner mails
ob es mir wirklich gut geht
oder
wenn du in den nachrichten
von irgendwelchen angriffen liest
fragst du ob ich in sicherheit bin
und ja
ich sehe den krieg jeden tag
die durch den wasserkrieg der türkei ausgetrocknete landschaft
sehe ich in diesem moment an unserem fenster vorbeirollen
in einem telegram channel
wird täglich berichtet
welche drohnen sich
in der luft befinden
uns beobachten
ob sie von der türkei
dem iran
der usa
russland oder
von der autonomen selbstverwaltung
ausgeschickt wurden
fast jede woche gehen wir auf beerdigungen oder gedenkfeiern
all das ist teil des alltags hier geworden
und trotzdem höre ich genau wie du von den meisten angriffen erst
in den nachrichten
die freiheitsbewegung hat gelernt
um den krieg herum zu wachsen
durch seine ritzen zu sprießen und
sich in den ecken in die er nicht kommt flächig auszubreiten
kajîn erzählt uns
dass ihr bruder seit 10 jahren in deutschland lebt
aber sagt dass er unglücklich sei
im internet wirkt es wie das paradies
sagt sie
wir erzählen ihr
von der situation der migrantinnen in europa
von rechtsextremen parteien und gruppen
die europaweit immer besser vernetzt sind
und von der schwierigkeit
eine gegenbewegung aufzubauen
viele menschen haben keine hoffnung mehr
dass sich die lage verändern wird
sage ich
die menschen haben angst voreinander
viele ziehen sich aus überforderung zurück
wenn man einmal mauern gebaut hat die einen schützen
ist es schwierig diese wieder gehen zu lassen
tief im nebel
sieht man nur so weit
wie die eigenen hände reichen
die augen können sich ausruhen
tief im nebel ist der boden
weich aber kalt
du hast mich früher oft gefragt
warum ich so rastlos bin
vor was ich fliehe
was ich in rojava suche
meine tage in europa
waren oft
in termine und aufgaben unterteilt
zwischen denen ich
hin und her rannte
kapazitäten rationierte und
bedürfnisse prioritisierte
damit sie nicht untergehen
in rojava
wird dem dazwischen raum gegeben
alles wird sehr bewusst gemacht
und wenn es plötzlich klingelt und besuch vor der tür steht
werden die aufgaben niedergelegt und ein çay aufgesetzt
der alltag ist organisch
und sehr langsam
langsamer als ich mir eine revolution vorgestellt habe
doch wir können uns oft nur dinge vorstellen die wir kennen
im frühling
als ich anfing für die frauenbewegung zu arbeiten
erzählte mir
meine kurdische mitbewohnerin
wie sie früher lange
beim syrischen demokratischen rat gearbeitet hatte
das ist ein rat der die dezentralisierung syriens zum ziel hat
sich vorwiegend mit der frage der demokratie
mit minderheitenrechten und der geschlechtergleichheit beschäftigt
die aufgabe meiner mitbewohnerin war
regelmäßig die aşirets am land zu besuchen
um mit ihnen über frauenbefreiung zu diskutieren
sie beschrieb mir lachend
wie die männer der aşirets zuerst nich akzeptieren wollten
dass eine frau mit den oberhäuptern spricht
doch sie kam trotzdem wieder
blieb liebevoll hartnäckig
trank çay
rauchte irgendwann sogar mit ihnen shisha
und sie hörte ihnen zu
ihren bedürfnissen und herangehensweisen
ihren kritiken und zweifeln an der autonomen administration
und sie versuchte begreifbar zu machen
was ihr anliegen ist
sie beschrieb wie sie schritt für schritt
vertrauen und verständnis zueinander aufbauten
um dann
nach ein paar jahren beziehungsarbeit
an dem punkt anzugelangen
in gegenseitigem verständnis
über die frage der frauen diskutieren zu können
we have no time but we must be patient
sagte mir meine mitbewohnerin mit lächelnden augen
we are taking the time it needs
to listen
to discuss
to decide
ich habe das gefühl wieder neu gehen zu lernen
ich gehe aufrechter
den blick nicht auf den boden
oder in die ferne gericchtet
sondern auf meine umgebung
ich kenne diese art zu gehen nicht
ab und zu verreiß ich mir etwas aber
ich spüre wie ich langsam immer geschmeidiger und beweglicher werde
liebevoller
ich lerne hier
nicht immer woanders hinzuwollen
sozialismus ist nichts was in der zukunft entstehen wird
wir müssen den sozialismus im moment leben
schreibe ich in mein tagebuch
am checkpoint vor raqqa
lassen wir kajîn raus
sie trifft hier eine freundin
wird dann weiterfahren zu einer frauenkonferenz
wir verabschieden uns
ser seran ser çavan
sagt sie zum abschied
und deutet mit der hand auf kopf und augen
über meinem kopf über meine augen
wir winken ihr nach
fahren weiter
in den autos die mit uns richtung stadt fahren
beobachte ich
schafe oder menschen
die auf den ladeflächen stehen
oder schlafen
links neben der straße
fließt der euphrat richtung süden
die häuser die uns entgegen kommen
tragen einschusslöcher an den fassaden
vier monate dauerten damals
die kämpfe gegen daeş
unser fahrer
zeigt die straße hinunter und sagt
da hinten ist der kreisel
der kreisel der hölle
nannten ihn früher die nachrichten
hier fanden die öffentliche hinrichtungen statt
die köpfe der ermordeten wurden auf den zaun gespießt
der den kreisel noch immer umrundet
als wir
mit unserem auto
durch den kreisel und
an diesem zaun vorbeifahren
zieht ein leichter wind durchs fenster
auf dem platz
spielen ein paar kinder verstecken
eine teenagerin sitz in burka auf einer parkbank
scrollt in ihrem handy
in großen bunten buchstaben steht
i love raqqa
am straßenrand geschrieben
daneben ein kaffeestand
mit lichterketten geschmückt
eine gruppe männer steht daneben und
schaut unserem auto prüfend hinterher
ich verspreche dir
einen stein mitzubringen
so wie du es dir gewünscht hast
—
Anmerkungen zu Begriffen:
Rojava („Wo die Sonne untergeht”, kurdisch: „Westen“) – bezeichnet die kurdisch
geprägte Region im Nordosten Syriens. Wird umgangssprachlich für DAANES (Demokratische Autonome Administration von Nord- und Ostsyrien) verwendet – einem nicht-staatlichem multi-ethnischem Gesellschaftsprojekt im Nordosten Syriens.
Daeş – im Kurdischen die Transkription des arabischen Akronyms داعش . „ad-Dawla al-Islāmiyya fī al-ʿIrāq wa-sh-Shām“ (der „Islamische Staat im Irak und in Syrien“). Im Deutschen kurz auch erwähnt als „sogenannter islamischer staat“, um die
Unterscheidung zur islamischen Religion zu unterstreichen
Aşiret (türkisch: aşiret; kurdisch (oft): eşîret) – traditionelle Stammes- oder
Clanverbände im Nahen Osten. Unter anderem wegen rassistischer Aufladung der deutschen Begriffe, wurde der kurdische Begriff verwendet.
tamam – تمام = „okay“, „in Ordnung“, „alles gut“; Ursprung: Arabisch
yalla – يال = „los!“, „auf geht’s!“, „beeil dich!“; Ursprung: Arabisch (ya Allāh = „Oh Gott! als Ausruf der Aufforderung)
Wasserkrieg – Methode von ökologischer Kriegsführung; Zugang zu und die Kontrolle über Wasserressourcen – etwa Flüsse, Seen oder Grundwasser – wird eingeschränkt.
Bilder: Leona Sophia Strakerjahn