Europa und der Iran‑Krieg: Zwischen Rechtfertigung und Überforderung

Zwei Wochen nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran ringen in Europa noch immer alle Seiten um Erklärungen und Schuldzuweisungen. Vor diesem Hintergrund argumentiert mosaik-Redakteur Dejan Aleksić für eine klare und differenzierte Position der Linken.

Rund acht Monate nach dem sogenannten „Zwölftagekrieg“ im Juni 2025 griffen die USA und Israel im Februar 2026 den Iran erneut an. Bereits zu diesem Zeitpunkt befand sich die Islamische Republik in einer tiefen Krise. Ein klarer und zugleich tragischer Ausdruck dessen waren die entsetzlichen Verbrechen des Regimes: der Massenmord an der eigenen Bevölkerung während des Aufstands im Dezember 2025 und Jänner 2026.

Für die Menschen im Iran, die sich bereits zuvor in einem ungleichen Kampf gegen das Regime befanden, bedeutet der Krieg vor allem neue Fronten, deren Folgen die Zivilbevölkerung trägt – Repression nach innen, militärische Eskalation nach außen und verschärfte ökonomisch Not. Was als Krieg zwischen Staaten – als Kampf um die Pose des Verteidigers des Volkes – inszeniert wird, erweist sich in seinen Auswirkungen als ein gemeinsamer Krieg der USA und Israels mit dem Iran, gegen die iranische Bevölkerung.

In der europäischen Debatte herrschen inzwischen Chaos und Verwirrung. Während die konservative Politik und Presse den Völkerrechtsbruch mittlerweile offen rechtfertigen, gelingt es der liberalen und linken Öffentlichkeit kaum, über die binäre Logik des Entweder-Oder – des Dafür oder Dagegen – hinaus eine klare Position zu formulieren. Und gerade in diesem Misslingen werden die Umrisse einer sozialen Struktur sichtbar: Westliche Hierarchien, geprägt von moralischer Überlegenheit, Verteidigungshaltungen und neokolonialem Denken.

Der vergessene Ursprung der heutigen Situation

Der aktuelle Angriff auf den Iran ist kein Bruch mit der Geschichte, sondern in gewisser Weise ihre Wiederholung – spätestens seit der sogenannten „Operation Ajax“ im August 1953. Der Codename steht für jene Intervention, mit der die USA und Großbritannien den demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh stürzten und die autoritäre Herrschaft des Shahs Mohammad Reza Pahlavi installierten.

Auslöser war der Beschluss des iranischen Parlaments, die Ölindustrie zu verstaatlichen und damit eine zentrale Ressource der Kontrolle ausländischer Konzerne zu entziehen. Der drohende Verlust dieser Kontrolle reichte den USA aus, um eine demokratisch gewählte Regierung gewaltsam zu stürzen und an ihrer Stelle eine repressive Monarchie zu errichten. Auch die islamische Revolution von 1979 lässt sich nur vor dem Hintergrund dieses zerstörten demokratischen Versuchs verstehen – als dessen verspätete, jedoch ebenfalls autoritäre Folge.

Der aktuelle Krieg reproduziert somit ein bekanntes Muster: Interventionen im Namen von Stabilität und Freiheit führen immer wieder zu langfristiger Destabilisierung und stärken autoritäre Kräfte. Dass Donald Trump sein Befreiungsnarrativ nun ausgerechnet durch die Unterstützung von Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten Shahs, untermauert, entlarvt diese Geschichtswiederholung als Tragödie und Farce zugleich.

Ideologische Rechtfertigungen von Krieg

Dieser Krieg – wie jeder andere – hat keine Berechtigung, weder strategisch noch humanitär. Die Logik des Krieges kann keine Verbesserung herbeiführen: Das ist keine Prognose, sondern historische Bilanz. Um den zentralen Vorwand der Atomgefahr zu entkräften, genügt ein kurzer Faktencheck: Ein Abkommen, das seit 2015 Irans nukleare Entwicklung unter Kontrolle hielt, wurde 2018 von Donald Trump unilateral aufgekündigt. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA), die für die Überwachung zuständig war, bestätigte, dass sich Iran an die Vereinbarungen hielt.

Auch die Repression und Rückschrittlichkeit des Mullah-Regimes dienen immer wieder als politisches Instrument zur Durchsetzung geopolitischer Machtansprüche. Die Doppelmoral dahinter zeigt sich nicht nur in der Diffamierung progressiver Initiativen im eigenen Land als „woke nonsense“, sondern auch darin, dass die USA und Europa Islamismus durchaus tolerieren, wenn es opportun erscheint – etwa im Fall von Syrien, Afghanistan oder den Golfstaaten.

Neben globalen Machtansprüchen spielen insbesondere wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Die USA verbergen nicht mehr, dass es ihnen – wie auch in Venezuela oder Grönland – um Kontrolle über strategische Ressourcen geht. Die zugrunde liegenden Interessen treten heute offener zutage, gerade weil sich die USA vom Imperium wieder zur Nation zurückverwandeln, wie es der Politikwissenschaftler Daniel Marwecki formuliert. Während ein Imperium das Völkerrecht definieren, manipulieren und umgehen kann, bleibt einer starken Nation oft nur noch, es offen zu brechen.

Die Perspektive der Bevölkerung: Drei feindliche Fronten

Neben der Delegitimierung des Krieges durch die Doppelmoral liberaler Wohltätigkeitserzählungen ist es wichtig, die Perspektive der betroffenen Bevölkerung in den Mittelpunkt zu rücken. Eine nachhaltige Verbesserung kann nur aus dem Widerstand einer organisierten Gesellschaft im eigenen Land entstehen. Militärische Interventionen ignorieren die Interessen der Menschen und schwächen progressiv-demokratische Kräfte, die bereits unter massivem Druck standen.

So steht die iranische Bevölkerung heute zwischen drei feindlichen Fronten: der Islamischen Republik als herrschendem Staat, den Machtansprüchen der rechtsautoritären Regierungen Israels und der USA sowie der Strömung rund um den „Thronprätendenten“ Reza Pahlavi – sowohl als Unterstützer des Krieges als auch als möglicher Nachfolger des Mullah-Regimes. Darin zeigt sich klar, dass eine „Umgestaltung“ von außen kaum mehr verspricht als eine neue Form repressiver Ordnung.

Mehr noch als bloßer Widerstand gegen den Krieg ist daher die Ablehnung einer imperial-bevormundenden Politik notwendig, die entlang kolonialer Muster einen eigenständigen, nationalen Befreiungskampf im Iran aus politisch wie ökonomischem Eigeninteresse blockiert. Wahre Solidarität bedeutet also, das Recht und die Fähigkeit der Bevölkerung anzuerkennen, eine neue politische und gesellschaftliche Ordnung nach eigenen Maßstäben aufzubauen. Gerade diese Perspektive verschwindet jedoch in der westlichen Öffentlichkeit hinter einem anderen Bild: jenem der iranischen Diaspora.

Die iranische Diaspora als Projektionsfläche

Als die USA die Tötung des „Obersten Führers“ Irans, Ali Chamenei, bestätigten, füllten Bilder einer jubelnden Diaspora die westlichen Medien. Die Widersprüche hinter diesen Feierlichkeiten sind offensichtlich: Die berechtigte Erleichterung über das Ende eines Terrors mündet bei manchen in die Unterstützung eines zerstörerischen und völkerrechtswidrigen Krieges und des Wiederaufbaus der Monarchie. Doch Jubel war keineswegs die einheitliche Reaktion. Ein großer Teil der iranischen Diaspora verurteilt den Angriff und lehnt sowohl die Einmischung der USA als auch die Rückkehr eines neuen Shah ab.

Die unterschiedlichen Reaktionen wären für sich genommen nicht problematisch. Das subtile Problem beginnt dort, wo westliche Medien bestimmte Stimmen selektiv verstärken – nämlich prowestliche, monarchistische und interventionsfreundliche. Dort, wo eine selbsterklärte westliche Expertise die Deutungshoheit über die Gefühle der Iraner*innen beansprucht und daraus ein politisches Programm ableitet: als Beweis für die moralische Rechtmäßigkeit des Angriffs und als Konstruktion der „guten Iraner*innen“ – jener, die den Westen von seiner Täterschaft entlasten und seine Ideologiearbeit leisten.

In klassisch neokolonialer Manier übernimmt der Westen dabei eine strenge Kontrolle darüber, was als „Iranisch-Sein“ gelten und wer überhaupt sprechen darf. Manche Reaktionen erhalten Sichtbarkeit, andere werden entweder delegitimiert oder gänzlich ignoriert. Iraner*innen, die sich gegen den Krieg und einen neuen Shah stellen, werden von westlichen Beobachterinnen rasch über ihre vermeintlich mangelnde Sensibilität für Islamismus, Regimenähe oder gar Antisemitismus belehrt. Die Autorität für diese Belehrungen speist sich ironischerweise aus derselben Geschichte westlicher kolonialer Herrschaft über muslimische Gesellschaften.

Gegen Krieg – ohne Loyalitätsprüfung

Die Auflösung der alten Weltordnung scheint auch westliche Progressive und Teile der Linken zu überfordern. Weit entfernt von klaren Positionen und oft übervorsichtig auf reformistische Sozialpolitik beschränkt, bringen sie kaum mehr zustande als vage Bekenntnisse zum Völkerrecht – stets um eine diffuse Beidseitigkeit bemüht. Dabei birgt gerade die Entstehung einer neuen Weltordnung – so fragil und gefährlich sie auch sein mag – das Potenzial für alternative politische Deutungen.

Das würde in diesem Fall bedeuten, die Angriffe der USA und Israels mit der gleichen Selbstverständlichkeit zu kritisieren wie andere und Krieg ohne Loyalitätstests abzulehnen. Während die Ablehnung der Politik Irans derzeit problemlos für sich stehen kann, gerät Kritik an Israel sowie USA hingegen sofort unter Generalverdacht. Diese asymmetrische Logik stabilisiert eine westlich geprägte, moralische Überlegenheit und reproduziert globale Hierarchien und damit verbundene Ungleichheiten. Was als intellektuelle Vorsicht erscheint, entpuppt sich in Wirklichkeit als Ausdruck einer rassistischen Struktur.

Die Ablehnung des Krieges nur unter dem Vorbehalt einer vorherigen Selbstdistanzierung reproduziert genau diese Denkfiguren. Wer grundsätzliche Kritik am Krieg an Bedingungen knüpft, hat sie schon aufgegeben.

Die Linke und eine neue internationale Politik

Gerade in Zeiten globaler Umbrüche wäre eine solche Klarheit dringend notwendig. Eine linke Politik, die sich aus Angst vor Verdächtigungen selbst zensiert, verpasst die Möglichkeit, den entstehenden politischen Raum von links zu besetzen – mit einer klaren Analyse internationaler Machtverhältnisse.

Verloren in einer neuen multipolaren Weltordnung tastet sich die europäische Linke in ihrer verzweifelten Suche nach Orientierung oft reflexhaft an verinnerlichten Umrissen westlicher Werte entlang. Hinter diesem paralysierenden Weltschmerz – so der Politikwissenschaftler Daniel Marwecki an anderer Stelle – verbirgt sich häufig nichts anderes als eine postimperiale Trauer über den Verlust westlicher Macht.

Gefragt ist daher der Mut, eigene internalisierte Denkmuster zu hinterfragen, den Abstieg des Westens anzuerkennen und – statt sich nach einer verschwindenden liberalen Ordnung zu sehnen – eine kohärente Strategie internationaler Politik zu entwickeln, die der Rhetorik der alternativlosen Militarisierung und rechten Erzählungen eine klare Antwort entgegensetzt.

Titelbild: Avash Media on Wikimedia (CC BY 4.)

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