Der Begriff „Feminizid“ ist heute auch im journalistischen Mainstream kein Fremdwort mehr. Das war nicht immer so. Hinter der klaren Benennung von Morden an FLINTA* stehen die Kämpfe einer feministischen Bewegung, die ihre Wurzeln in Lateinamerika hat und von dort aus in die ganze Welt und bis nach Österreich gewachsen ist.
Kollektive Wut und Trauer
Am vergangenen Dienstag fanden in Wien mehrere Kundgebungen und Demonstrationen zum 25. November, dem Internationalen Tag gegen geschlechtsspezifische Gewalt statt. Den Abschluss einer dieser Demonstrationen bildete ein kollektives Gedenken an alle in diesem Jahr durch Feminizide zu Tode gekommenen Personen in Österreich. Nach einer Triggerwarnung für alle Anwesenden wurden die durch Medienberichte bekanntgewordenen Daten und Informationen zu den einzelnen Morden vorgelesen. Nach jedem der Mordfälle wurde gemeinsam laut die Parole „Ni une menos – vives nos queremos!“ gerufen. Ein Chor aus Trauer und Wut über die Verhältnisse, die nach wie vor und immer wieder zu diesen Morden führen.
Keine offiziellen Zahlen
Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird jede dritte FLINTA* im Laufe ihres Lebens Betroffene von körperlicher und/oder sexueller Gewalt. Die äußerste Zuspitzung dieser Gewalt stellen Feminizide dar, also die Tötung auf Grund des Geschlechts oder des zugeschriebenen Geschlechts. In Österreich gab es in diesem Jahr bereits 14 bestätigte Feminizide. Der erst kürzlich bekanntgewordene Fall eines mutmaßlichen Doppelfeminizids an einer Mutter und deren Tochter ist noch nicht final geklärt. Offizielle Zählungen von staatlicher Seite gibt es für diese Morde nicht. Aktivist*innen sowie die Autonomen Österreichischen Frauenhäuser beziehen sich in ihren Statistiken auf Medienberichte. Es muss daher von einer gewissen Dunkelziffer von Gewaltakten ausgegangen werden, die nie öffentlich bekannt werden.
Medial wurden diese Verbrechen oft als Einzelschicksale verhandelt, die als „Beziehungsdramen“ oder „Verbrechen aus Leidenschaft“ beschrieben wurden. Die Bilder, die diese Beschreibungen zeichnen, verschleiern die strukturellen Zusammenhänge von Gewalt, die hinter jedem Feminizid stecken. Diese beginnt bereits bei der Ordnung des binären Geschlechtersystems mit seinen Stereotypen und darauf basierenden Rollenzuschreibungen, Ausschlüssen und Gewaltmonopolen. Wer nicht in dieses System passt, wird gewaltvoll angepasst oder sanktioniert. Das geschieht durch Alltagssexismus, die gesellschaftliche Abwertung von Frauen und Queers, das Absprechen jeglicher Geschlechtsidentitäten, die von den Polen „männlich“ und „weiblich abweichen“, soziale Ausgrenzung und gar menschenrechtswidrige geschlechtsangleichende Eingriffe bei Babies und Kindern – um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen. Feminizide stellen dabei die Spitze des Eisbergs eines breiten Kontinuums von Gewalt gegen FLINTA* dar. Sie resultieren aus der normalisierten Vorstellung männlicher Vorherrschaft, die mit dem Besitzanspruch über feminisierte, rassifizierte und vielfältige Körper einhergeht.
Entstehung einer transnationalen Bewegung
In Argentinien formierten sich bereits vor 10 Jahren massive Proteste als Antwort auf eine Reihe von Feminiziden. In Buenos Aires gingen am 3. Juni 2015 rund 250.000 Menschen unter dem Slogan „Ni Una Menos“ (dt.: Nicht eine weniger) auf die Straße. Die Proteste wurden rasch in vielen weiteren Städten in Argentinien aufgenommen und schließlich auch über die Landesgrenzen hinausgetragen. Ziel dieser ersten Mobilisierung war es, die Morde als äußerste Zuspitzung von geschlechtsspezifischer Gewalt und damit als gesellschaftliches Problem sichtbar zu machen. Besonders breit und sichtbar wurde die Bewegung unter anderem in Mexiko. Dort wurde die steigende Gewalt gegen FLINTA* seit den 1990er Jahren, insbesondere in der Grenzstadt Ciudad Juarez, bereits früh politisiert. Der Begriff Feminizid (vom lateinamerikanischen feminicidio) hat hier seinen Ursprung. Die Anklage von Feminiziden und der staatlichen Mitschuld waren 2020 wichtige Impuls für die größten Proteste, die Mexiko seit langem gesehen hatte.
Das Problem heißt Männergewalt!
Ausgehend von Lateinamerika und der Karibik entwickelte sich eine transnationale feministische Bewegung gegen patriarchale Gewalt. Auch in Wien formierte sich, inspiriert von ebendiesen Bewegungen, ab 2020 eine autonome, queerfeministische Vernetzung gegen Feminizide, Claim the Space. Ausschlaggebend dafür waren die hohen Feminizidzahlen 2018 und 2019 und der Versuch der Vereinnahmung des Diskurses von rechter Seite. Um der rassistischen Instrumentalisierung der Morde durch die FPÖ und anderer rechter Gruppierungen etwas entgegenzuhalten, sowie als Antwort auf den faschistischen Angriff einer Anti-Feminizid-Kundgebung, die von kurdischen und türkischen Feminist*innen organisiert worden war, fand im Juni 2020 in Wien eine große Demo unter dem Titel „Das Problem heißt Männergewalt“ statt. Die gemeinsame Herkunft patriarchaler Gewalt steckt schon im Begriff selbst: Sie ist in globalen patriarchalen Strukturen zu finden, nicht in bestimmten Weltregionen. Immer wieder wird von rechter und konservativer Seite aus versucht, geschlechtsspezifische Gewalt als ein durch Migration importiertes Phänomen darzustellen. Die rassistische Aussage des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz über junge rassifizierte Männer und die zu schützenden deutschen Töchter stellt ein aktuelles Beispiel dieser versuchten Manipulation des Diskurses dar.
Wir wollen uns lebend!
Ziel der Anti-Feminizid Bewegung in Wien war es, keinen Feminizid mehr unbeantwortet zu lassen. Über mehrere Jahre hinweg fand nach jedem Feminizid, von dem die Aktivist*innen durch Medienberichte oder andere Quellen erfuhren, eine Kundgebung am Karlsplatz mit anschließender Demo statt. Das eingangs erwähnte Ritual zum Gedenken der verstorbenen FLINTA* wurde ein fixer Bestandteil dieser politischen Praxis. Inspiriert von den vielfältigen Methoden aus Mexiko, Argentinien , Spanien, oder der Türkei, wo ebenfalls bereits eine längere Geschichte der Politisierung von Feminiziden gibt. Die Kundgebungen boten besonders in den von Lockdowns geprägten Pandemie-Jahren einen wichtigen Ort für Kollektivität und Austausch. Sie öffneten Räume um gemeinsam wütend und traurig zu sein und brachten unterschiedliche Gruppen, Initiativen und Communities zusammen in einer Zeit, in der es sonst wenige Berührungspunkte gab. Es war ein besonderer Moment feministischer Organisierung über Differenzen hinweg, mit einer großen Offenheit, voneinander zu lernen und mit einem klaren gemeinsamen Nenner: patriarchale Gewalt zu benennen, sichtbar zu machen und zu bekämpfen. Auch in Innsbruck, Graz, Linz und Salzburg wurden ähnliche Protestformen gefunden. Es entstand eine lose österreichweite Vernetzung und schließlich auch eine Vernetzung über den gesamten vorrangig deutschsprachigen Raum.
Wir spinnen den Faden weiter
Die DACH-Vernetzung gegen Feminizid (DACH steht für Deutschland, Österreich, Schweiz) traf sich seit 2021 regelmäßig online und seit 2024 auch zu einem jährlichen Vernetzungstreffen. Das zweite Vernetzungstreffen fand Mitte Oktober 2025 in Wien an der Akademie der bildenden Künste statt und brachte 100 Feminist*innen aus unterschiedlichen Gruppen und Initiativen aus dem DACH-Raum zusammen um in Austausch zu kommen. Unter dem Titel „Wir spinnen den Faden weiter“ wurden die unterschiedlichen Zugänge der einzelnen Gruppen und Teilnehmenden diskutiert, gemeinsame Analysen geschärft, politische Praxen ausgetauscht und Ideen für zukünftige Aktionen gesponnen. Der Titel bezieht sich auf eine Kunstaktion des mexikanischen Kollektivs Colectiva Hilos, mit der sie auf Feminizide und verschwundene FLINTA* in Mexiko aufmerksam machen wollen. Am 24. Jänner 2026 wird der erste überregionale Gedenktag für Feminizide mit unterschiedlichen Aktionen im DACH-Raum stattfinden. Auch in Wien gibt es Pläne dazu.
Fragend gehen wir voran…
Was unter dem Slogan „Ni Una Menos“ als Protest in Argentinien 2015 begann, ist bis heute zu einer sozialen Bewegung gewachsen. Sie thematisiert nicht nur Feminizide, sondern das gesamte Spektrum patriarchaler Gewalt und das Ineinandergreifen unterschiedlicher Formen von Gewalt. An der Gewalt selbst hat sich nur wenig geändert. Während rechte und reaktionäre Kräfte weltweit erstarken und mühsam erkämpfte sozialstaatliche Errungenschaften abgebaut werden, werden beispielsweise reproduktive Rechte beschnitten. Dies verstärkt die Abhängigkeit vieler FLINTA* in gewaltvollen Beziehungen doppelt. Gleichzeitig ist global eine massive Zunahme an Gewalt gegen Transpersonen zu verzeichnen sowie eine Zunahme reaktioniärer Geschlechter(vor)bilder, Stichwort Manosphere. Eine emanzipatorische queerfeministische Bewegung muss die bisherigen Kämpfe weiterführen und dabei die Ordnung des binären Geschlechtersystems als eine zugrundeliegende Struktur aller geschlechtsspezifischer Gewalt ansehen und klar benennen – über alle potentiellen inhaltlichen Differenzen hinweg. Nur so lassen sich auch Feminizide, die brutalsten Auswüchse dieses Systems, nachhaltig bekämpfen.
Weiterführende Links:
Recherche zum Thema Feminizid vom Kollektiv Selbstlaut: https://www.selbstlautkollektiv.com
Femi(ni)zide. Patriarchale Gewalt kollektiv bekämpfen: https://www.verbrecherverlag.de/shop/feminizide-kollektiv-patriarchale-gewalt-bekaempfen/
Foto: Dach-Vernetzung gegen Feminizid