Die Sprache der Berichterstattung folgt oft festen Routinen. Nachrichten informieren nicht nur – sie wiederholen auch – und strukturieren so, was als selbstverständlich gilt. Eine Kolumne von Dejan Aleksić über mediale Zuschreibungen und Auslassungen.
Jeden Morgen höre ich Nachrichten – gleich in der Früh. Die Gewohnheit entstand allmählich und nahezu unbemerkt, wie ein Laster. Denn ganz wohl fühle ich mich dabei nie. Ob das unheimliche Gefühl an der aufdringlichen Präsenz Trumps und Putins in meinem Schlafzimmer oder am noch fehlenden ersten Kaffee liegt, weiß ich bis heute nicht.
Was ich jedoch weiß, ist, dass es keine Option ist, unvorbereitet zu den politischen Diskussionen der mosaik-Redaktionssitzungen zu erscheinen. Zudem schlich sich in meine morgendliche Routine auch eine tröstliche Erkenntnis ein: Es macht Spaß. So wie nur Dinge Spaß machen, die sich zugleich unheimlich anfühlen. Denn gerade die Wiederholung lässt die Nachrichten anders klingen – weniger neutral und routinierter. So entstand für mich ein widersprüchlich lustvolles Spiel: Genau hinzuhören, was die Nachrichten wiederholt (nicht) sagen und dabei möglichst viele Zuschreibungen und gleichzeitige Auslassungen zu finden.
Ungleiche Zuschreibungen
Nach einer gewissen Zeit haben so scheinbar sachliche Beschreibungen einen urteilenden Nachhall bekommen. Ein großes Thema im vergangenen Jahr waren die Verhandlungen um die Waffenruhe in Gaza. Bei jeder Erwähnung der Hamas war von einer „islamistischen Terrororganisation“ die Rede – zweifelsohne ein Fakt. Zweifelhaft aber, ob er immer unbedingt relevant ist. In denselben Beiträgen konnten wir nicht erfahren – und schon gar nicht dermaßen permanent –, dass sich die israelische Armee einer rechtsextremen Regierung verantwortet, für deren Ministerpräsidenten und Verteidigungsminister internationale Haftbefehle wegen Kriegsverbrechen vorliegen.
Das mag wie Whataboutism klingen. Doch auffallend ist, dass sich dieses „what about“ immer mit einem westlichen Selbstverständnis und einer geopolitischen Position deckt: jener nämlich, die im Einklang mit der Außenpolitik der USA steht. Was Medien hier tun, ist nicht nur Terror zu beschreiben, sondern auch permanent an den Terror zu erinnern – allerdings nur bei gewissen Akteuren. Bei anderen jedoch nie. Sowohl selektives Aktualisieren als auch selektives Auslassen produzieren Botschaften. Deren Wirkung ist nie nur informierend, sondern auch ideologisch rahmend.
„Komplex“ ist das neue Umstritten
Angesichts dessen bekommt man beim Zuschreibungen-Erraten im obigen Spiel leichte Punkte: Die präventive Entlastung der USA und des Westens ist zuverlässig zu erwarten. Der völkerrechtswidrige Angriff auf Venezuela wird völkerrechtlich „komplex“, und Maduros Entführung bloß eine „Gefangennahme“. Der ORF veröffentlicht dazu einen Beitrag, dessen Titel allein – Operation „Absolute Entschlossenheit“: Wie Maduros Gefangennahme ablief – wie ein Hollywood-Blockbuster klingt.
Gratis Propaganda liefert der ORF auch mit Beiträgen wie „Trump bekräftigt Anspruch auf Grönland“ oder „Trump stachelt Streit mit Grönland wieder an“. Die Drohung einer militärischen Annexion klingt nach mehr als einem „Streit“. Und weder Trump noch die USA haben einen „Anspruch“, um ihn dann „bekräftigen“ zu können. Klar, es handelt sich um standardisierte Zuschreibungspakete der großen Nachrichtenagenturen. Aber jedes Medium trägt auch eigene redaktionelle Verantwortung.
Um konsequent beim Whataboutismus zu bleiben: Das nicht-westliche Pendant einer aggressiven Großmacht wird in der Berichterstattung mehr als deutlich benannt – Russlands völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen die Ukraine. Übervorsicht auf der einen, Überdeutlichkeit auf der anderen Seite – auf Rechtsstaatlichkeit beziehen sich die Medien nur selektiv.
Das Selbstverständliche ist politisch
Beispiele dieser medialen Sprachroutinen sind zahlreich. Die massive militärische Aufrüstung kommt in den Medien beispielsweise kaum ohne die Floskel „angesichts der Bedrohungslage notwendig“ vor. Während russische Aufrüstung Aggression bleibt, wird europäische Aufrüstung zum Ausdruck purer Vernunft. Abseits der Geopolitik fragen sich die Medien in Österreich zudem nicht, ob, sondern wo zur „Budgetsanierung“ gespart werden muss. Eine klare Erkenntnis meiner Morgenroutine: Ökonomie scheint entpolitisiert zu sein, politische Gestaltung hingegen eine mathematische Notwendigkeit.
Dass wir manche Dinge immer wieder erklärt bekommen und andere vorausgesetzt werden, sagt mehr über Machtverhältnisse als über Fakten. Die stille Norm wird als neutrale Berichterstattung verpackt. Was selbstverständlich erscheint, muss nicht argumentiert werden – und gerade das macht es politisch und damit hinterfragenswert. Werden Machtverhältnisse nicht benannt, dient das nur ihrer Reproduktion – nicht journalistischer Neutralität.
Den Kaffee schenke ich stets mit demselben Gedanken ein: Was Medien über die Welt sagen – und was nicht –, scheint irgendwie mehr über die Medien zu sagen als über die Welt. Und verlässlich folgt der nächste Gedanke: Vielleicht sollte ich doch einfach zuerst Kaffee und dann Nachrichten konsumieren.
Illustration: Hannah Krause
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