Freund*innenschaften werden gegenüber romantischen Beziehungen oft hinten angestellt. Auch werden sie als etwas Selbstverständliches angesehen. Dabei steckt in ihnen ein revolutionäres Potenzial. Die zweite Ausgabe unseres Strategy Summer beleuchtet dieses Potenzial und erklärt, wie wir Beziehungen anders denken können.
„Heavenly Blue worried all the time. He worried about the bills and the roof that needed repairing and the strange men who always watched the house and what the neighbors might do next and about Hollyhock’s unhappiness. He worried most of all that he would go mad. His worrying got the bills paid and the roof fixed and drove the men away and calmed the neighbors down and helped Hollyhock be happier. And finally his worrying drove him mad. It was the madness of looking inward and being afraid. There had never been enough love and warmth around him and he thought he had gradually dried up inside. He wanted out but he did not know where out was.
Lilac and Pinetree and Moonbeam und Loose Tomate and Hollyhock gathered. They held Heavenly Blue in their arms for days, they let him cry and stare and slobber and scream and be silent. They paid the bills and looked after the roof and watched the street for strange men and talked to the neighbors and Hollyhock kept himself happy. Their house filled up with comfort and routine and gladness until Heavenly Blue could no longer resist and became response-able again.”
Diese Erzählung aus Larry Mitchells 1977 veröffentlichtem Buch “The Faggots and Their Friends Between Revolutions” berührt bis heute. Sie zeigt uns nicht nur, in welchem Zustand wir uns gerade befinden, sondern auch, wer sich um uns kümmert, wenn wir diesen Zustand nicht mehr aushalten: Unsere Freund*innen. Dieser Text argumentiert dafür, dass Freund*innenschaft mehr als eine weitere Nahbeziehung im persönlichen Leben bedeutet. Vielmehr ist sie eine Möglichkeit, eine andere politische Praxis einzuüben und ein wichtiges soziales Netzwerk für revolutionäre Gegenwarten und Zukünfte zu bilden. Wie Mitchells märchenhaftes Manifest zeigt, stellen Freund*innen für queere und feministische Kämpfe eine zentrale politische Beziehungsweise dar. Auch der Titel dieses Artikels ist ein Verweis auf die feministische Bewegung. Das Zitat stammt aus einer deutschsprachigen Übersetzung des „Canción sin miedo“, einem mittel- und südamerikanischen Protestlied gegen Feminizide.
Freund*innenschaft als politische Praxis
Als scheinbar privates, apolitisches Thema sind Auseinandersetzungen mit Freund*innenschaften in den vergangenen Jahren ins Zentrum des Nachdenkens über eine alternative Gegenwart gerückt. Als alternative Beziehungsweise sollen sie die Priorisierung von romantischen oder familiären Beziehungen auflösen. Freund*innenschaften sind demnach ein Ort, an dem Zuneigung, Zärtlichkeit und Austausch verhandelt werden. Dabei bleibt häufig die Frage bestehen: Reicht es aus, einfach zu sagen, dass mir meine Freund*innen genauso wichtig sind wie meine anderen Beziehungen? Oder brauchen wir für nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen, für eine politische Utopie, konkrete Änderungen in unseren Verhaltensweisen? Vielleicht sogar das Umwerfen aller bisherigen Beziehungsweisen?
Freund*innenschaften können die Grenzziehungen zwischen Liebe, Sexualität und Politik hinterfragen. Ein Potenzial von Freund*innenschaften liegt darin, dass sie offene und nicht-institutionalisierte Beziehungen sind. Sie sind also nicht durch festgelegte Regeln definiert und können, beziehungsweise sollen sich stetig verändern. Freund*innenschaften umfassen Zärtlichkeit, Differenz und Solidarität. Sie sind ein politischer Kampf gegen Vereinzelung in unserer Gesellschaft und Hierarchien in unseren Beziehungsweisen. Besonders hinsichtlich einer Politik der Fürsorge kann in Freund*innenschaften durch das Teilen von Zeit eine langfristige Möglichkeit geschaffen werden, Care-Arbeit anders zu verteilen.
Über Differenzen hinweg
Freund*innenschaften brauchen dafür jedoch (emotionale) Arbeit. Das heißt Gespräche und Aushandlungen darüber, wie die Beziehung geführt werden soll. Fragen der Sorge und Verteilung müssen immer wieder neu besprochen werden. Freund*innenschaften heißt dadurch immer, sich in einem stetigen Dialog mit dem zu üben, was anders ist als man selbst, schreiben María do Mar Castro Varela und Bahar Oghalai in ihrem Buch Freund*innenschaft. Dreiklang einer politischen Praxis. In einem Dialog bringt jede Person ihre eigenen Zugehörigkeiten und Perspektiven mit ein, versucht aber gleichzeitig auch, diese zu verändern, um einen Austausch überhaupt erst zu ermöglichen. Dadurch, dass Freund*innenschaft durch ein gemeinsames Gespräch bestimmt ist, in dem wir das Gegenüber als anders erkennen, können Freund*innenschaften dem Prinzip der Differenz statt dem Prinzip der Gleichheit folgen. Hierin liegt auch die Möglichkeit, Konflikte und Aushandlungen als immanenten Bestandteil von Freund*innenschaft zu denken.
In Freund*innenschaften können wir deshalb, wie Elisabeth Conradi reflektiert, eine ethische und zugleich politische Praxis einüben, indem wir uns gegenseitig mit Rückmeldungen und Ratschlägen zur Seite stehen. Für eine breitere soziale wie politische Praxis bedeutet das: Anstatt uns auf Grundlage einer gemeinsamen Identität zu verbünden, können wir uns mit denen, die anders sind als wir, auf Grundlage eines gemeinsamen Werdens verbinden. Politische Verbundenheit kann dann als Ringen um Gemeinsamkeit verstanden werden, als Versuch, Solidarität aus dem abzuleiten, was wir miteinander teilen. Das Geteilte gehört dann weder uns noch den Anderen alleine, sondern findet nur in unserer Verbindung miteinander statt. Freund*innenschaften in das Zentrum unserer politischen und sozialen Praxis zu stellen, ist sowohl Aufforderung als auch Konsequenz, politische Solidarität neu zu imaginieren und revolutionäre Praxis weiterzudenken.
Between Revolutions
Wenn wir die Regeln unseres Zusammenlebens selbst bestimmen können, wenn wir kollektiv unsere Beziehungen zueinander ändern und gemeinsam Verhältnisse anders verteilen, dann können wir von einer Revolution sprechen. Besonders in queer-feministischen Revolutionsvorstellungen ist die Frage danach, wie wir abseits traditioneller Verteilungen füreinander sorgen können, sehr wichtig. Soziale Transformation muss eine Verschiebung von den Beziehungen, die uns verbinden und die uns trennen, bedeuten. In einer politischen Bewegung sollte es nach Castro Varelo und Oghalai deshalb primär darum gehen, aktiv am kollektiven Zusammenhalt zu arbeiten und Beziehungen zu leben, die die kapitalistische, koloniale und patriarchale Logik durchbrechen.
Revolutionen sind demnach nicht nur als dekonstruktive und zerstörerische Entwicklungen zu verstehen. Im Sinne Bini Adamczaks sind sie auch das Begehren nach alternativen, befriedigenden Beziehungsweisen. Freund*innenschaft als eine alternative Beziehungsweise zu verstehen, kann uns dabei helfen, unsere Beziehungen anders zu denken. Wir können unsere politische Praxis verändern und kleine Utopien in der Gegenwart schaffen. Dies ist insofern von Bedeutung, da sich die gegenwärtige Macht patriarchaler wie rassistischer (Staats-)Gewalt im Prozess der Entbindung ausdrückt.
Gemeinsam politisch
Eine wichtige Form des Widerstands sollte daher eine Politik der unmittelbaren Verbindung, dem Verbünden zwischen den unwahrscheinlichsten Gruppen und Personen, sein. Leela Ghandi beschreibt dies so: “What the State cannot tolerate in any way, however, is that singularities form a community without aiming an identity, that humans co-belong without any representable condition of belonging. ‘Friendship’, I suggest, is one name for the co-belonging of nonidentical singularities”. Genau darin liegt das beunruhigende Potenzial von Freund*innenschaft. Sie kann Unruhe in gedachte Symmetrien von Anziehung bringen und umwerfen, wer (gesellschaftlich legitimiert) mit wem in Beziehung stehen kann.
Wie Jacques Derrida schreibt: „Der eigentliche politische Akt oder die eigentliche politische Handlung besteht darin, so viel Freundschaft wie möglich zu stiften (hervorzubringen, herzustellen etc.)“. Besonders das Verbünden in Differenz hilft uns dabei, uns anders zu verhalten, als es unsere Herkunft von uns erwartet. Stattdessen können wir eine Politik der Fürsorge zu leben. Damit stellt Freund*innenschaft auch eine Alternative zu bestehenden Identitätslogiken dar. Sie kann eine Möglichkeit aufzeigen, wie politische Bewegungen langfristig funktionieren können.
Was also tun?
Wir müssen uns nicht mehr nur theoretisch mit Freund*innenschaft auseinandersetzen, sondern Freund*innenschaft konkret leben. Das bedeutet: Redet mit euren Freund*innen über eure Bedürfnisse, über ihre Zukunft, über gegenseitige Unterstützungsmöglichkeiten. Ruft bei Problemen nicht als erste Person eure Beziehungsperson an, sondern überlegt euch, wen es sonst noch in eurem Umfeld gibt. Trefft Lebensentscheidungen wie Umzüge in eine andere Stadt nicht nur mit euren Partner*innen, sondern besprecht sie auch mit euren Freund*innen. Wenn ihr Kinder bekommen wollt, hört euch doch mal in eurem Umfeld um, ob nicht Interesse an Co-Parenting-Konzepten besteht. Achtet darauf, wie viel Raum das Reden über romantische Beziehungen in euren Freund*innenschaften einnimmt. Redet über Einsamkeit und Gemeinsamkeit und kümmert euch umeinander. Schaut darauf, wer in eurer Politgruppe oder Protestbewegung die Reproduktionsarbeit übernimmt. Und darauf, wie ihr in Beziehung miteinander steht beziehungsweise stehen wollt. Und kümmert euch auch darum, wer sich wie viel kümmern kann und teilt Care-Arbeit miteinander auf.
Die gute Nachricht ist: Freund*innenschaften sind bereits eine machbare Erfahrung. Sie sind ein politischer Utopieversuch, den wir alle leben können. Sie drücken sich in dem Verlangen aus, alle Verhältnisse umzustürzen, die ein sorgendes und solidarisches Leben für alle unmöglich machen. Sie sind ein Werkzeug, um alternative Gemeinschaften zu denken und erlauben uns, bereits jetzt eine andere Welt zu schaffen. Freund*innenschaft bedeutet, der Welt nicht alleine gegenübertreten zu müssen – in Freund*innenschaften wird die Hoffnung auf ein besseres Leben geweckt. Also warten wir nicht darauf, dass uns unsere Sorgen krank machen, sondern kümmern wir uns jetzt schon umeinander. The Faggots and their Friends warten nämlich schon sehnsüchtig auf die nächste Revolution.
Unsere Sommerreihe wird mit Bildern von Jlo begleitet. Die Fotografien stammen aus einem Fundus alter Dias und wurden in den ersten Lockdowns der Corona-Pandemie angeschafft, um zu Hause mit Bezugspersonen Diashows im Stil der Großelterngeneration zu veranstalten, diese mit ausgedachten Geschichten zu untermalen und gemeinsam zu lachen. Durch verschiedene Arten von Schimmel und langem Aussetzen in Feuchtigkeit sind viele der Dias verfremdet worden, wodurch sich die Motive zu spannenden Farbformen zersetzen. Jlo versucht, diesen Prozess selbst herzustellen und als Kunstprojekt aufzugreifen.
Lest alle weiteren Texte aus unserem Strategy Summer hier!