Zum Jahrestag der Tragödie am Bahnhof von Novi Sad herrscht in Serbien eine fragile Pattstellung zwischen Regierung und Protestierenden. Die Bewegung der Studierenden schöpft ihre Stärke jenseits des Politischen. Doch das kann auch ihre Schwäche sein.
„Was ist am Samstag, ein Fußballspiel?“, antwortete der serbische Präsident Aleksandar Vučić auf die Frage einer Journalistin, ob er erwarte, dass der Samstag friedlich verläuft. Gemeint war der 1. November – der Jahrestag des Bahnhofsunglücks von Novi Sad. An jenem Samstag schien sich die öffentliche Infrastruktur – durch einen kuriosen Zufall der Umstände – gegen eine Einreise nach Novi Sad verschworen zu haben. Züge wurden abgesagt: eine angebliche Bombendrohung. Viele Zufahrten waren gesperrt: akut notwendige Sanierungsarbeiten.
Es ist das Spiegelbild einer autoritären Machtstruktur, deren Existenzangst – über die politischen Konsequenzen hinaus – die Übergabe der Macht scheinbar vom Horizont der Möglichkeiten getilgt hat. Panik und Paranoia – zwei Begriffe, die Gefahr ausstrahlen, hier aber auch Hoffnung in sich tragen: Panik, weil der Regierung die Legitimität in der Bevölkerung nach einjährigen Massenprotesten langsam, aber sicher entgleitet; Paranoia, weil sie dies selbst mit radikalen Maßnahmen und einer gewaltigen Propagandamaschinerie nicht verbergen kann.
Wie schafft es die Protestbewegung in Serbien, nach einem Jahr nicht an Kraft zu verlieren – immer noch auf spürbare Erfolge wartend? Was macht sie einzigartig, und was verbindet sie mit weltweiten Gen-Z-Protesten? Ein Versuch der Einordnung.
Ein Jahr nach dem Unglück: von Protesten zu Forderungen
Was bisher geschehen ist, lässt sich bereits der Mainstream-Presse entnehmen. Das Bahnhofsdach in Novi Sad stürzte ein, 16 Menschen starben. Es gab Korruptionsvorwürfe und von Studierenden initiierte Massenproteste. Die Bewegung organisierte sich basisdemokratisch und stellte zunächst einfache Forderungen. Schließlich entstand die konkrete Forderung nach Neuwahlen, die bis heute aufrechterhalten wird.
Da selbst ursprünglich bescheidene Ziele – vor allem die Aufarbeitung des Unglücks und die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen – den Willen der Regierenden deutlich überstrapazierten, sprachen sich die studentischen Plena im Sommer für Neuwahlen aus. Die Begründung: strukturelle Probleme und fehlende Kooperation seien von der aktuellen Machtstruktur nicht zu trennen.
Dieser Schritt war zwar umstritten – Studierende verloren damit den Schleier politischer Unschuld, da sie auch eine eigene Wahlliste ausarbeiten wollen. Zudem sind derzeit keine Bedingungen für faire Wahlen gegeben. Nichtsdestotrotz genießen sie breite Unterstützung: Ihre Liste hätte bei Neuwahlen einen deutlichen Vorsprung vor Vučićs Partei, wie aktuelle Umfragen zeigen. Darin liegt der Grund, warum Neuwahlen ausbleiben: Vučić, der bisher jede größere Krise mit vorgezogenen Wahlen gelöst hat (seit 2014 wurden alle fünf Parlamentswahlen zugunsten seiner Partei vorzeitig angesetzt), hat dieses erprobte Rezept nun nicht mehr zur Verfügung.
Autoritäres Drehbuch und internationale Parallelen
Das Regime verzögert und setzt darauf, dass die Proteststimmung abklingt. Dabei greift es auf das bekannte autoritäre Drehbuch zurück. Dazu gehören Repression, Gewalt, Drohungen, Diffamierung – sogar Verschwörungserzählungen. Etwa die Behauptung, ein Oppositioneller habe den Bahnhof in die Luft sprengen wollen. Dieses Muster zeigt sich derzeit auch bei ähnlichen Revolten weltweit: in Indonesien, Nepal, auf den Philippinen, in Marokko, Madagaskar, Peru, Ecuador und Paraguay – überall gehen junge Menschen massenhaft auf die Straße.
Die Parallelen sind auffällig: Es handelt sich um ökonomisch benachteiligte Länder, geprägt von Korruption und Ausbeutung. Die Mobilisierung speist sich aus einzelnen, aber symbolisch aufgeladenen Ereignissen. Die Organisierung ist spontan und weitgehend ohne Hierarchien, und die Forderungen radikalisieren sich häufig rasch in Richtung eines Regierungssturzes – worauf die Regime mit brutaler Unterdrückung reagieren.
Doch es gibt auch Unterschiede: Serbien ist das einzige europäische Land in dieser Reihe – und sogar EU-Beitrittskandidat. Zudem bleiben die Proteste friedlich und haben auch nach einem Jahr nicht an Kraft verloren. Am Jahrestag jenes auslösenden Ereignisses erlebt die Bewegung einen neuen Aufschwung. Studierende rufen zu einem Gedenken an die Opfer in Novi Sad auf. Die Einladung markiert eine bewusste Grenzziehung zum explizit Politischen: Keine Pfeifen, Transparente oder Fahnen seien erwünscht.
Die Kraft der Symbolik
Die Bilder aus Serbien gingen um die Welt: Hunderttausende auf den Straßen, Menschenmassen, soweit das Auge reicht. In den Wochen und Monaten davor hatten unzählige Arbeitsgruppen Vorbereitungen getroffen, und Ordner*innen sorgten am Tag selbst für einen reibungslosen Ablauf. Jede einzelne Entscheidung – bis hin zu den kleinsten Details der Organisation – war mit maximaler Symbolik aufgeladen.
Von 16 Orten in Novi Sad zogen Kolonnen zum Bahnhof, um in 16 Minuten Stille der 16 Opfer zu gedenken. „Stille, die Bände spricht“, wie es hieß. Zuvor wurden weiße Tauben freigelassen, anschließend 16 Lampions von der Donau aus in den Himmel steigen gelassen. Alles minutiös geplant und präzise umgesetzt.
In den Tagen zuvor machten sich Tausende Stundent*innen und Bürger*innen zu Fuß aus ganz Serbien auf den Weg nach Novi Sad – sogar aus dem 400 Kilometer entfernten Novi Pazar. Es hatte etwas Metaphorisches, beinahe Pilgerartiges, ohne, dass es offiziell als solches benannt wurde – außer mit dem Hinweis auf das Gedenken. Doch dahinter steckt – wie in der gesamten Mystik dieser Versammlung – viel unausgesprochene Politik: Erneuerung, Entschleunigung, Verarbeitung von Krisen und das Öffnen neuer Perspektiven.
Das Unpolitische als Stärke und Schwäche
Genau dieses Mystische ist sinnbildlich für die Ausdauer der Bewegung. In einem Land, das aus blutigen Bürgerkriegen hervorgegangen ist, geprägt von aggressiver Außenpolitik, internationalen Sanktionen, Isolation, Armut und Kriminalität – im Land eines Slobodan Milošević und eines Aleksandar Vučić – gilt Politik in weiten Teilen der Bevölkerung als verdorben, verachtet und verflucht.
Realpolitisch machtlos und der Logik der Realpolitik eher abgewandt, entfaltet die Protestbewegung ihre Wirkung gerade im Raum des Unpolitischen: Sie organisiert Gedenken, Märsche, Rituale – alles, was nicht als „Politik“ gilt – und treibt dieses Feld bis an seine äußersten Möglichkeiten. In dieser intuitiven, symbolträchtigen Praxis, in ihrer scheinbar zwecklosen Aufopferung und rohen Geduld, zeigt sich das Absolute des Unpolitischen – und genau darin wird es zu einer stillen, aber höchst wirkungsvollen Form politischen Handelns, gerade in einer Gesellschaft, die vom Autoritarismus tief geprägt ist.
Gleichzeitig könnte dies auch ihre größte Schwäche sein. Bis heute kann die Bewegung kaum konkrete Erfolge vorweisen. Wie sollte sie – selbst wenn sie vorübergehend an die Regierung käme – ein politisches Programm formulieren und das Land führen? Mit der Machtübernahme wären die Probleme nicht gelöst; erst dann würden die eigentlichen Herausforderungen beginnen. An diesem Punkt wäre die Rolle der EU zentral – wenn sie es mit Serbiens Beitrittskandidatur und mit Demokratie in Europa ernst meint.
EU und Serbien: Zwischen Unterstützung und Inszenierung
Das EU-Parlament nahm diese Lage tatsächlich ernst. In einer gemeinsamen Resolution vom 22. Oktober verurteilten die Abgeordneten die zunehmende Polarisierung und Repression, staatliche Gewalt und willkürliche Festnahmen – nicht nur von Protestierenden, sondern auch von Journalist*innen, NGO-Mitgliedern und oppositionellen Politiker*innen. Der ausführliche Text benennt zahlreiche Vorfälle und stellt sich ausdrücklich hinter die Protestbewegung. Von der EU-Kommission fordert die Resolution neben einer klareren Kritik auch gezielte Sanktionen gegen einzelne Verantwortliche.
Die EU-Kommission zeigt sich jedoch weitaus zurückhaltender. Für konkrete Maßnahmen wie Sanktionen gilt das Einstimmigkeitsprinzip – Unterstützung durch Vučićs Verbündeten Viktor Orbán und andere rechts regierte EU-Staaten ist kaum zu erwarten. Nur eine Woche zuvor hatte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Vučić in Belgrad besucht und damit seine Position faktisch aufgewertet. Für zentrale Themen wie Rechtsstaatlichkeit, freie Wahlen oder Medienfreiheit ist Vučić in seiner – formal vorwiegend zeremoniellen – Präsidentenrolle rechtlich gar nicht zuständig.
Zudem sprach von der Leyen von einem „entscheidenden Moment“ für Serbien auf dem Weg in die EU. Angesichts der massiven innenpolitischen Krise und eines über 13 Jahre verschleppten Beitrittsprozesses wirkt dies wie eine bloße Inszenierung europäischer Partnerschaft. Gleichzeitig lobte sie Vučić für Fortschritte bei Gesetzesvorhaben zur Einführung eines zentralen Wählerregisters und zur Stärkung der Medienregulierungsbehörde – obwohl es sich dabei lediglich um Entwürfe handelt, die im Parlament noch nicht einmal diskutiert wurden.
Ein neuer Antikapitalismus
In Serbien hat sich währenddessen ein Zustand permanenter Ausnahmesituation etabliert – eine Pattstellung zwischen Regierung und protestierender Bevölkerung. Die Frage lautet nicht mehr, ob, sondern wann es zu einem Durchbruch kommt. Die Brücke zurück in die Zeit vor dem Unglück von Novi Sad ist vollständig verbrannt. Wie weltweit zu beobachten ist, scheint auch in Serbien die Gen-Z einen eigenen, unverbrauchten Protestgeist zu verkörpern. Wenn eine ganze Generation Unzufriedenheit über soziale Ungerechtigkeit, fehlende Zukunftsperspektive, Korruption und politische Entfremdung teilt, liest sich dies klar als ein authentischer, wenn auch unausgesprochener Antikapitalismus.
Dieser Antikapitalismus ist neu – vielleicht nur intuitiv, scheinbar unbewusst – geprägt von einer Generation, die kein anderes System kennt als den fortgeschrittenen Neoliberalismus mit seinen wachsenden Ungleichheiten und schwindenden Lebensperspektiven. Diese Revolten haben anderswo bereits Autokratien ins Wanken gebracht – Serbien dürfte keine Ausnahme bleiben. Die entscheidende Frage ist, wie das entstehende Vakuum gefüllt werden wird. Die bisherige globale Rolle dieser Länder – als Lieferanten billiger Arbeitskräfte und Rohstoffe – lässt wenig Hoffnung. Doch die internationalistische Perspektive und das originelle Verständnis von Politik, das diese Bewegung auszeichnet, sehr wohl.
Titelbild: Lothar Boris Piltz on Unsplash