Was die mosaik-Redaktion 2025 positiv gestimmt hat

Die Zeiten sind düster, da gibt es nicht viel schönzureden. Doch genau deshalb hat die mosaik-Redaktion zum Abschluss noch einmal zurückgeblickt und sich an einen Moment, einen politischen Kampf, eine Demonstration erinnert, der oder die ihnen Hoffnung gegeben hat.

Vergesellschaftung von Immobilienunternehmen

Luca: Vor gut vier Jahren kam ein Volksentscheid auf Initiative von „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ (DWE) zum Ergebnis: Die Mehrheit der Berliner*innen spricht sich für die Vergesellschaftung von Immobilienunternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen in Berlin aus. Der Auftrag an den Stadtsenat, einen entsprechenden Gesetzesentwurf auszuarbeiten war damit klar. Als jedoch nichts geschah, nahm die DWE die Situation selbst in die Hand. Nach über zwei Jahren Arbeit präsentierten sie im September nun ihren eigenen Gesetzesentwurf.

Laut diesem sollten rund 220.000 Wohnungen in Berlin in Gemeineigentum überführt werden. Das Ziel der DWE ist, den Gesetzesentwurf über ein Volksbegehren in die Umsetzung zu bringen. Der Stadtsenat legte inzwischen vor einigen Tagen einen eigenen Entwurf vor, der sich klar auf die Seite der großen Wohnungskonzerne schlägt. Die DWE stellt sich diesem weiterhin entegegen, setzt sich dafür ein, dass der Wille der Berliner Bevölkerung endlich Beachtung bekommt und zeigt, wie groß zivilgesellschaftliche Initiativen denken können.

Italien gegen Krieg und Genozid

Raphael: Seit dem 7. Oktober 2023 tut sich die hiesige Linke schwer, eine klare und unmissverständliche Position gegen Krieg und Genozid einzunehmen. Während hierzulande gezögert, relativiert und geschwiegen wird, hat Italien gezeigt, was internationale Solidarität in der Praxis bedeuten kann. Ende September erfasste dort eine Protestwelle das gesamte Land – in Solidarität mit der Bevölkerung in Gaza. Der Alltag kam zum Stillstand.

Unter dem Motto „Blocchiamo tutto con la Palestina nel cuore“ („Wir blockieren alles mit Palästina im Herzen“) riefen mehrere Basisgewerkschaften am 22. September zu einem Generalstreik auf. Über zwei Millionen Menschen folgten diesem Aufruf, wobei die Proteste bis Anfang Oktober anhielten. Forderungen wie der sofortige Stopp aller italienischen Waffenlieferungen an Israel wurden nicht nur formuliert, sondern durchgesetzt – mit massenhaften Blockaden, insbesondere durch Hafenarbeiter*innen.

Die Proteste in Italien haben eindrucksvoll vor Augen geführt, welches Ausmaß und welche gesellschaftliche Sprengkraft internationale Solidarität entfalten kann, wenn sie organisiert, entschlossen und kompromisslos ist.

Lichtblick in den Trump-USA

Hanna: Im November gewann Zohran Mamdani die Bürgermeisterwahl in New York. Er bezeichnet sich selbst als Sozialisten, sprach öffentlich seine Unterstützung für die Rechte von Palästinenser*innen aus und konnte mit einem volksnahen Wahlkampf überzeugen. 90.000 Freiwillige suchten im Wahlkampf den direkten, persönlichen Kontakt zur Bevölkerung und ermöglichten so Austausch und ein Gefühl der Teilhabe.

Mamdani positionierte sich klar gegen Trump, ohne aber dessen Wähler*innen auszugrenzen. Er schaffte es, nahe an der Lebensrealität und den Problemen der Arbeiter*innenklasse zu bleiben und diese konkret zu adressieren. Auch Kritik an der eigenen (demokratischen) Partei, die von reichen Finanziers und wirtschaftlichen Interessen dominiert wird, kam nicht zu kurz. Mamdani und sein Team bauen auf einer Bewegung auf, die die Untragbarkeit der aktuellen Verhältnisse benennt und ein wachsendes Klassenbewusstsein schafft.

Gemeinsam für das freie Radio

Fabi: Mein politisches Highlight war eine lange Warteschlange vor dem Aufnahmestudio von Radio Orange. Das klingt natürlich total unspektakulär und irgendwie paradox. Wer mag schon Warteschlangen? Aber die hatte es in sich. Denn alle Menschen, die dort anstanden, waren bereit, ein leidenschaftliches Plädoyer für den Erhalt des freien Wiener Radios einzusprechen. Ob es Moderator*innen von Sendungen zum Thema Antirassismus waren, der Stadtentwicklung oder dem Free Jazz. Am Ende waren alle super emotional. Ein bisschen lag es vielleicht auch am Weihnachtspunsch. Und wirklich niemand, niemand hat sich darüber beschwert, dass die Schlange immer länger und länger wurde. Selten war Warten so ermächtigend.

Schutz für alle in Peru

Agnes: Perus Präsidentin Dina Boluarte begann ihr Mandat im Jahr 2022 mit einem blutenden Volk: In den ersten Monaten ihrer Amtszeit wurden auf Protesten gegen ihr Mandat 50 Menschen getötet. Nachdem die Proteste im Jahr 2023 nachgelassen hatten, gingen 2025 wieder massenweise Menschen auf die Straße. Auslöser war der Anschlag von Schutzgelderpressern auf die beliebte Cumbia-Gruppe Agua Marina. Er entfachte erneut die Wut all jener, die sich nicht hinter Gated Communities verschließen können und denen Gewalt und organisierte Kriminalität auf der Straße täglich direkt begegnen.

Im Oktober wurde Boluarte im Zuge der Proteste vom Kongress abgesetzt. Doch die Proteste hielten daraufhin an. Sie richten sich nun gegen den nachfolgenden Interimspräsidenten José Jerí, gegen den ähnliche Korruptionsvorwürfe vorliegen. Darüber hinaus werden die Proteste durch die Wut über die übermäßige Gewaltanwendung von Sicherheitskräften bei Protesten angefacht. Die Schutzlosigkeit der Bevölkerung, sei es in ihrem Widerstand oder in ihrem Alltag, wird dabei zunehmend zum politischen Thema. Die jungen Peruaner*innen verknüpfen dabei gemeinsam mit streikenden Busfahrer*innen Sicherheit und soziale Ungleichheit. Sie wollen ihre Vulnerabilität nicht länger hinnehmen, sondern Schutz für alle.

50 Jahre Frauenstreik

Lucy: Am 24. Oktober 1975 rufen fünf isländische Frauenorganisationen zum „Frauenruhetag“ auf und so strömten an dem Tag mehr als 20 000 (circa 90 Prozent der Frauen in Island) Frauen zu einer Demonstration um sich, für mehr Gleichberechtigung, faire Bezahlung und bessere Kinderbetreuung einzusetzen. Mit Erfolg, 1980 wählt die Inselnation eine Frau zur Präsidentin und seit Jahren führt Island den Gender Gap Index mit der weltweit geringsten Bezahlung an.

Zum 50. Jahrestag den großen isländischen „Frauenstreiks“ ruft auch die Initiative FRAUEN* Streik, eine feministische Intervention wider die Ungleichheit, Frauen* am 24. Oktober 2026 dazu auf, alles niederzulegen, „dort wo sie* gerade ist, gebeten in Rot, und bleibt dort liegen, solange sie* kann und will“. So legten überall in Österreich und auch versammelt vor dem Parlament in Wien Frauen* ihre Arbeit nieder, weil wir auch 50 jähre später immer noch einen weiten Kampf vor uns haben, für Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und gegen geschlechtsspezifische Gewalt. So werde ich mich auch weiterhin widersetzen, streiken, und niederlegen an der Seite meiner Genoss*innen, solange wie es nötig ist.

Hoffnung in Beziehung

Hannes: Auch Hoffnung beginnt oft im Kleinen. Während andere oft lachen oder enttäuscht den Kopf schütteln, weil das Gespräch eben offenbart hat, dass man sich doch wieder über zwei Ecken kennt, ist meine Antwort darauf stets eine positive. Wie kraftvoll kann es sein, wenn unsere Wege kurz sind? Wenn wir wissen, wen wir anrufen müssen, wenn wir etwas brauchen – sei es für die Organisation der nächsten Demonstration oder die rechtliche Beratung in einem akuten Fall?

Oft kennen wir uns, weil wir schon länger dabei sind; weil politische Auseinandersetzung nie nur eine Lebensphase für uns war – sondern eine suchende Haltung, die sich in unserem Tun stetig weiterentwickelt. Menschen, die trotz alledem, was gerade um uns und mit uns passiert, dran bleiben, weitermachen und versuchen ihre Ressourcen in den Aufbau von Strukturen und insbesondere Beziehungen zu stecken, geben mir Hoffnung. Und sollten wir uns dann doch einmal nicht kennen – umso besser, dann lass uns kennenlernen und die Netze weiter stricken.

Gen Z Proteste in Serbien

Dejan: Das ganze Jahr über – besonders nach medienwirksamen Aktionen – haben Menschen immer wieder von der Protestbewegung der Studierenden in Serbien gehört und über sie gesprochen. Einen einzigartigen Kampfgeist verkörpernd, ein autokratisches Regime entlarvend und eine gespaltene Gesellschaft vereinend, wurden sie aber im Getümmel schlechter Nachrichten weltweit fast zu einem Allgemeinplatz: in Serbien gibt es ja Proteste.

Deshalb hier noch der Hinweis, dass hinter abstrakten Schlagzeilen reale Menschen stehen: unzählige Beteiligte, die dieser langwierige Kampf weiterhin Zeit, Kraft und Energie kostet; ganz zu schweigen von der Repression, Denunziation und Gewalt, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind. Seit mehr als einem Jahr, unaufhörlich.

Ein prägender Eindruck des Jahres 2025, der zugleich für eine weltweite Revolte der Gen Z steht. Die junge Generation hat nicht nur die Vorwürfe der Lethargie widerlegt, sie hat den Aufstand wieder in Mode gebracht.

Überraschende Allianzen

Hannah: Im Spätsommer saß ich im Publikum einer Podiumsdiskussion zum Thema Flucht über die Balkanroute. Im Gegensatz zu vielen anderen einschlägigen Veranstaltungen habe ich innerlich nicht allem zugestimmt, was auf der Bühne gesagt wurde. Dort saß nämlich etwa der Vertreter eines österreichischen katholischen Ordens.

Doch so sehr ich mich an manchen seiner Formulierungen und Herleitungen störte, umso mehr musste ich anerkennen, dass er sich tatkräftig für das selbe Ziel engagiert: Die Durchsetzung des Rechts auf Bewegungsfreiheit für alle Menschen. Auch die Rentnerin zu seiner Rechten setzte sich seit Jahrzehnten für die Unterbringung von Menschen auf der Flucht in ihrem Dorf ein – ohne dabei Worte wie Organisierung oder linke Kämpfe zu verwenden.

Klingt banal, aber als ich an diesem Abend nach Hause gelaufen bin, hatte ich ein wenig Hoffnung geschöpft. In einer Zeit, die sich immer beengter anfühlt. Den Problemen von allzu breiten Bündnissen absolut bewusst, lohnt es manchmal doch, sich auch aus unerwarteten Ecken überraschen zu lassen. 

Foto: Matthieu Joannon


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