Derzeit entstehen im Großraum Wien drei Rechenzentren des US-Konzerns Microsoft. Unter dem Versprechen der „digitalen Souveränität“ soll Österreich damit seine digitale Zukunft kontrollieren. Während von wachsender Wertschöpfung die Rede ist, wachsen zwei ganz andere Dinge: die Macht von Big Tech und der Ressourcenverbrauch. Mina Fahimi fordert eine Debattenverschiebung.
Der CEO von Microsoft Österreich, Hermann Erlach, und ÖVP-Digitalstaatssekretär Alexander Pröll, schütteln sich freudestrahlend die Hände. Die frohe Botschaft: Microsoft investiert eine Milliarde Euro in Österreichs „digitale Zukunft“. Gemeint damit ist, dass das Unternehmen in Schwechat, Vösendorf und Achau drei neue Rechenzentren bauen darf. Pröll spricht bereits von Österreichs „zehntem Bundesland“, so hoch sei laut einer Studie die Wertschöpfung durch die zukünftigen KI-Rechenzentren. Unerwähnt bleibt, dass die besagte Studie von Microsoft selbst in Auftrag gegeben wurde und die Berechnungen auf höchst fragwürdigen Grundlagen, wie der Zeitersparnis in mittlelständigen Unternehmen durch „mehr KI-Prompting“, basieren.
Was ist ein Rechenzentrum?
Während in Wien noch gebaut wird, sind Rechenzentren im Mittleren Westen der USA, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in China längst Realität. Aber was ist ein Rechenzentrum überhaupt? Der Name ist erstmal irreführend, denn in Rechenzentren wird nicht nur gerechnet. Jegliche digitalen Dienste – Streaming, Videospiele, E-Mails, Fotos und Dokumente in der Cloud – brauchen ein physisches Gebäude, das im Wesentlichen aus einer Halle mit vielen, aufeinandergestapelten Servern besteht.
Neben den Serverhallen besteht jedes Rechenzentrum aus weiteren Räumen und Außenflächen. Dort gibt es den Anschluss an das lokale Stromnetz, Kühlungsanlagen und weitere Infrastruktur zur Vermeidung von Stromausfällen, wie zum Beispiel Anlagen zur unterbrechungsfreien Stromversorgung, Blei- oder Lithiumbatterien, oder Dieselgeneratoren.
Derzeit wird zwischen „on-premise“, „Colocation“ und „Hyperscaler“ unterschieden. On-premise-Rechenzentren befinden sich direkt am Standort eines Unternehmens, während Colocation-Rechenzentren die Infrastruktur bereitstellen, um diese an andere Unternehmen zu vermieten.
Als derzeit vieldiskutierte Hyperscaler schließlich gelten jene Rechenzentren, die auf so genannte horizontale Skalierung ausgelegt sind. Das heißt, einzelne Server lassen sich flexibel hinzufügen, und die Rechenleistung kann ausgeweitet werden. Die weltweit circa 1000 Hyperscaler gehören zu mehr als der Hälfte den drei großen Big-Tech-Unternehmen Alphabet/Google, Microsoft, und Amazon Web Services.
Abhängigkeiten unter dem Deckmantel „Digitaler Souveränität“
In Österreich gibt es derzeit 53 größere Rechenzentren. Das entspricht einem Rechenzentrum pro rund 175.000 Einwohner*innen. Zum Vergleich: In Deutschland kommt ein Rechenzentrum auf etwa 171.000 Einwohner*innen, in den USA – wo weltweit die meisten Rechenzentren stehen – auf rund 80.000 Einwohner*innen.
Fast die Hälfte der österreichischen Rechenzentren befindet sich in Wien: 24 von 52 stehen in der Bundeshauptstadt. Sie siedeln sich meist dort an, wo es bereits gut ausgebaute Infrastruktur gibt, etwa eine leistungsfähige Stromversorgung, Glasfaserinternet oder spezialisierte Zulieferbetriebe. Von den 24 Wiener Rechenzentren haben 16 ihren Unternehmenssitz in Österreich, wie in der untenstehenden Auflistung zu sehen ist.

Während Digital Reality (USA) und NTT Data (UK) zu den weltweit größten Colocation-Anbietern gehören (siehe Grafik), ist also auffallend, dass bis vor kurzem keines der US-Big-Tech-Unternehmen Österreich als relevanten Standort für KI-Rechenzentren in Betracht gezogen hatte. Dass dies nun unter der ÖVP-geführten großen Koalition mit dem Bau von (vermutlichen) Hyperscalern im ÖVP-Kernland Niederösterreich geändert und zugleich als „digitale Souveränität“ vermarktet wird, stellt einen grundlegenden Widerspruch dar. Nach einer kürzlich erschienenen Studie sind zudem rund zwei Drittel der vorhandenen Serverkapazitäten nicht ausgelastet. Es stellt sich berechtigterweise die Frage, warum an neuen geopolitischen Signalprojekten gebaut wird, während bestehende Kapazitäten zunächst ausgeschöpft werden könnten.
EU-Bündnispolitik mit imperialistischer Big-Tech
Diese Entwicklung ist keineswegs nur auf Österreich beschränkt. Sie ist Teil einer EU-weiten Bündnispolitik mit US-Big-Tech-Konzernen. So traf sich etwa der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich mit NVIDIA-CEO Jen-Hsun Huang, um Deutschlands “Führungsanspruch” im globalen KI-Rennen zu unterstreichen. NVIDIA ist derzeit der einzige Anbieter leistungsfähiger Hochleistungschips für KI-Rechenzentren.
Das Silicon Valley ist nicht erst vorgestern nach rechts abgebogen. Doch spätestens seit dem öffentlichen Kuschelkurs der Big-Tech CEOs mit US-Präsident Trump ist dies offensichtlich. Flankiert wird dies durch eine maskulinistisch-imperialistische Denkweise, die der NVIDIA CEO Huang genauso offensiv bedient wie der OpenAI CEO Altman. Oder wie Google’s neues Projekt der Weltallkolonisierung. Solche Zukunftserzählungen stabilisieren zugleich eine zirkuläre Investment-Logik zwischen den immergleichen Akteuren wie NVIDIA, Oracle und OpenAI.
Das Energieproblem der Rechenzentren
Prölls Analogie zu Österreichs „zehntem Bundesland“ erscheint allerdings aus ganz anderen Gründen zutreffend. Ein Hyperscaler mit 100 Megawatt Gesamtleistung hat laut Wirtschaftskammer einen jährlichen Stromverbrauch von rund 100.000 Haushalten. Bei drei derartigen Rechenzentren (und voller Auslastung) entspräche der Strombedarf also in etwa jenem der Stadt Graz.
In Anschluss an die EU-Energieeffizienzrichtlinie (2023) führte Österreich das Bundes-Energieeffizenzgesetzes ein, in welchem seit 2023 der Paragraph §72a gewisse Meldepflichten für Rechenzentren festlegt. Zahlen zum Energie- und Ressourcenverbrauch seitens der Rechenzentrumsbetreiber sind für die Öffentlichkeit allerdings bislang nicht einsehbar, wie bei diesem Microsoft-Report ersichtlich wird.
Ebenso lohnt ein kritischer Blick auf Microsofts kürzlich aufgestellte Behauptung, den Stromverbrauch zu 100 % aus erneuerbaren Energien zu decken. Denn die Abdeckung läuft vor allem bilanziell, das heißt über CO₂‑Zertifikate und Stromabhnahmeverträge (PPAs), und bedeutet nicht, dass ein Rechenzentrum in Österreich tatsächlich mit grünem Strom versorgt wird. Tatsächlich werden die meisten PPAs in den USA oder Südostasien geschlossen, und die vertraglich zugesicherten Kapazitäten an erneuerbarer Energie liegen deutlich unter dem Gesamtstromverbrauch des Unternehmens.
Der Standard schrieb kürzlich, dass im Jahre 2020 – also noch vor ChatGPT – der Gesamtverbrauch der Rechenzentren in Österreich dem von circa 400.000 Haushalten entsprach. Dies solle sich bis zum Jahr 2030 verdrei- bis verfünffachen, was auch durch die Berechnungen der in Frankreich ansässigen International Energy Agency gedeckt ist. Kurz nachgerechnet hätte Österreich im Jahr 2030 dann den Stromverbrauch um circa 25 Prozent gesteigert. Dass die Kosten für den erhöhten Energieverbrauch schlussendlich die Bürger*innen zahlen, lässt eine neue Studie von AlgorithmWatch vermuten.
Verschärfung der sozial-ökologischen Krise
Der immense Energieverbrauch von Rechenzentren ist nicht allein auf das permanente Laufen von Servern zurückzuführen. Über mehr als 30 Prozent des Energieaufwandes entfallen auf die Kühlungsanlagen, die heiß-laufende Server auf angenehme 22 Grad kühlen. Nicht ganz überraschend möchte Trump sich daher so bald wie möglich Grönland unter den Nagel reißen. Die Extraktion seltener Erden für KI-Chips ist genauso wichtig, wie die Kühlung von Rechenzentren mit billiger arktischer Frischluft – denn Luft gehört ja bekanntlich (noch) niemandem.
Die Kühlung der KI-Hyperscaler lässt sich allerdings nicht mehr allein durch Außenluft bewältigen. KI-Chips erzeugen auf engem Raum so viel Wärme, dass diese durch Luftkühlung nicht schnell genug abgeführt werden kann. Eine Alternative dazu stellt daher die Flüssigkühlung dar, die direkt den Chip im Server kühlt. Dies führte in den USA bereits dazu, dass in Gemeinden das Trinkwasser knapp wurde. In den USA werden Hyperscaler zunehmend in unbewohnten, aber dafür wasserknappen Gegenden gebaut werden, wie diese Dokumentation des Business Insiders eindrücklich zeigt.
Rechenzentren haben aber auch ganz konkrete schädliche Folgen für Menschen. Letztes Jahr wurde aufgedeckt, dass Elon Musk’s Rechenzentrum zur Stromversorgung toxisches Methangas verbrennt. Betroffen davon sind vor allem schwarze Communities. Ebenso können KI-Chips krebserregende Auswirkungen auf Menschen haben.
Und schließlich erzeugen Rechenzentren eine große Menge an Müll, denn KI-Chips, Lithium-Batterien, Dieselöl oder Kältemittel müssen irgendwann ausgetauscht und entsorgt werden. Das Problem des Elektroschrotts aus Rechenzentren ist definitiv unerforscht und bislang kaum reguliert. Nach Schätzungen werden weltweit sowieso nur 22 Prozent des Elektroschrotts recycelt.
Erfolgreiche Proteste und zaghafte Alternativen
Gleichzeitig mehrt sich zaghafter Widerstand. In den USA richten sich Proteste gegen Rechenzentren gegen Lärmbelastung, steigende Temperaturen und die Angst vor dem Wertverlust von Immobilien. In Paraguay mobilisieren Aktivist*innen erfolgreich gegen ein Krypto-Mining-Rechenzentrum. Umfragen zeigten zuletzt, dass auch die Mehrheit der Europäer*innen dem weiteren Ausbau von Rechenzentren kritisch gegenübersteht. So regte sich in Deutschland zuletzt Widerstand gegen den Microsoft-Hyperscaler im Rheinischen Revier. Und in Spanien ist der Slogan “Tu nube seca mi río” (auf deutsch: “Deine Cloud trocknet meinen Fluss aus”) mittlerweile landesweit bekannt.
Große Hoffnungen liegen also wieder mal in den Umwelt- und Klimabewegungen, die sich vom Amazonas bis in die Städte des Globalen Nordens oft schon anlassbezogen und lokal formiert und weltweite politische Prozesse in Gang gesetzt haben. In Österreich wurde damals gegen Atomkraft und heute gegen die dritte Piste und den Lobau-Tunnel durchaus erfolgreich protestiert. Wichtig wäre es jetzt, dass die gesellschafts- und umweltpolitischen Folgen der im Aufbau entstehenden Rechenzentren nicht widerspruchfrei hingenommen werden. Denn aus der Cloud regnet es auf uns und dieser Regen bringt weder Erfrischung noch Wachstum oder Wohlstand.
Foto: Rsparks3 via CC0-Freigabe