Protest von FAR

„Unsere antimilitaristischen Ideen sind auf diese Realität nicht anwendbar“

Heute jährt sich der russische Angriff auf die Ukraine zum vierten Mal. Ekaterina Schalmann hat die in Wien lebende Antikriegsaktivistin Lölja Nordic getroffen und mit ihr über Widerstand in Russland, (west)europäischen Antimilitarismus und Solidarität gesprochen.

Ekaterina Schalmann: Lölja, seit 2022 lebst du in Wien im Exil. In Russland wirst du wegen deiner Arbeit in der feministischen Antikriegsbewegung verfolgt. Wie bist du zur Antikriegsaktivistin geworden?

Lölja Nordic: Ich habe meine politische Arbeit nicht direkt als Antikriegsaktivistin begonnen. Aber ich würde sagen, dass ich mich nach Beginn der großangelegten Invasion in der Ukraine als Antikriegsaktivistin verstanden habe. Für mich war seit der Annexion der Krim 2014 klar, dass das eine große Tragödie ist. Ein gewaltiges Ereignis, das alles zum Einsturz bringen würde. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 entschied ich mich, mein Wissen und die Ressourcen meiner Kollektive und anderer Gruppen zu nutzen. Das Ziel war, interregional eine feministische Antikriegsbewegung aufzubauen. Der feministische Antikriegswiderstand ist heute ein Netzwerk von Gruppen und Einzelpersonen, das feministische Kollektive, NGOs und zivilgesellschaftliche Gruppen in verschiedenen Regionen Russlands und im Ausland vereint.

ES: Wie hat sich die feministische Antikriegsbewegung seit ihrer Gründung 2022 entwickelt?

LN: Wir mussten viele Einschränkungen hinnehmen – wegen der rechtlichen Lage in Russland, wegen politischen Drucks und wegen neuer Gesetze, die speziell geschaffen wurden, um Kritiker*innen zum Schweigen zu bringen. Unsere Organisation – Feminist Anti-War Resistance (FAR) – erhielt den Status einer „ausländischen Agentin“ und einer „unerwünschten Organisation“. Diese Einstufungen dienen dazu, unsere Arbeit zu blockieren. Wir dürfen offiziell nicht mehr in Russland arbeiten. Menschen können Probleme bekommen, wenn sie unsere Inhalte teilen oder uns auf Social Media folgen. Deshalb mussten wir unsere Strukturen anpassen.

Es war nie sicher, aber es wird jedes Jahr gefährlicher. Innerhalb Russlands arbeiten die Menschen sehr anonym und vorsichtig im Untergrund. Gleichzeitig sind wir außerhalb Russlands gewachsen. Anfangs gab es nur Gruppen in Russland. Heute haben wir über 15 Gruppen im Exil – etwa in Wien, Berlin, im Baltikum oder sogar in den USA. 

ES: In Wien hast du kürzlich eine Ausstellung mit dem Titel „Women Against War“ im MuseumsQuartier kuratiert. Dort wurden 16 Porträts russischer Dissidentinnen gezeigt. Welche Geschichten stehen hinter diesen Porträts?

LN: Es war bereits die zweite Ausstellung dieser Art. Die erste fand 2023 in Paris statt. Unser Ziel war es, die Vielfalt der Geschichten zu zeigen. Es gibt tausende politische Gefangene und zehntausende politisch Verfolgte. Wir wollten zeigen, dass der Widerstand in Russland vielfältig ist – Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Berufs, sozialer Hintergründe leisten Widerstand gegen das autoritäre Regime Putins. Als feministische Bewegung haben wir bewusst Frauen in den Fokus gestellt. Weibliche politische Gefangene bekommen oft weniger mediale Aufmerksamkeit.

Mit der Ausstellung wollten wir außerdem unterschiedliche Formen der Repression sichtbar machen – nicht nur Haftstrafen, sondern auch Polizeigewalt, Folter, Trennung von Eltern und Kindern. Ein Beispiel ist die Geschichte von Maria Moskaleva, einem Schulmädchen, das ein Antikriegsbild malte. Die Schule meldete sie der Polizei. Sie kam ins Waisenhaus. Ihr Vater wurde inhaftiert. Eine andere junge Frau erhielt neun Jahre Haft, weil sie 30 Euro an einen ukrainischen Hilfsfonds gespendet hatte. Eine Freiwillige, die humanitäre Hilfe für Ukrainer*innen leistete, bekam 20 Jahre Haft. Diese Fälle sollen bewusst Angst erzeugen, um andere vor Protest abzuschrecken. 

ES: Die Abschreckung scheint zu wirken. Besteht die Gefahr, Stille mit Zustimmung zu verwechseln?  

LN: Die Realität eines autoritären Regimes während eines Krieges ist eine völlig andere als vor dem Krieg. Massendemonstrationen, wie wir sie noch 2022 in Moskau gesehen haben, gibt es nicht mehr. Innerhalb weniger Monate wurden Tausende verhaftet und zu großen Teilen inhaftiert. Russland ist ein Polizeistaat geworden. Die Zahl der Sicherheitskräfte wurde in den letzten 15 Jahren massiv erhöht. Überwachung ist allgegenwärtig.

Es ist nicht so, dass die russische Bevölkerung keine Demonstrationen oder Proteste organisieren will. Es ist schlichtweg unmöglich. Die überbordende Brutalität, die ihnen von Seiten des Staates begegnet, schafft eine Atmosphäre der Angst, die viele Menschen einschüchtert. Viele Menschen fürchten den Verlust von Freiheit, ihres Einkommens und ihrer Unversehrtheit. Aber deswegen geht der Widerstand trotzdem weiter, verdeckt im Untergrund: direkte Aktionen, Sabotage gegen militärische Infrastruktur, Informationsverbreitung, Unterstützung von Deserteuren, Hilfe für Geflüchtete – das alles leisten widerständige Russ*innen auch weiterhin, unter unmöglichen Bedingungen. 

ES: In Putins Krieg spielen kontrollierte Informationskanäle eine wichtige Rolle. Welche Konsequenzen hat die Verschärfung der Online-Zensur für den organisierten Antikriegswiderstand in Russland?

LN: Als wir zur unerwünschten Organisation erklärt wurden, haben viele Menschen aufgehört, uns auf Instagram oder Telegram zu folgen. Sie hatten Angst: Was, wenn ein Polizist mich anhält, mein Telefon kontrolliert und sieht, dass ich diesem Antikriegs-Account folge?

Kürzlich wurde ein Punkkonzert in Moskau von der Polizei gestürmt. Menschen wurden mit dem Gesicht auf den Boden gedrückt und gezwungen, ihre Handys zu entsperren. Diejenigen, die sich weigerten, wurden mit Schlagstöcken und Elektroschockern geschlagen. Die Repression ist chaotisch und unvorhersehbar. Dadurch fühlen sich die Menschen fast nirgendwo sicher. Die Regierung versucht auch den Social-Media-Verkehr zu verlangsamen und Menschen auf staatlich kontrollierte Messenger wie Max umzuleiten. Da kann die Polizei praktisch alles, was man schreibt, in einer Sekunde mitlesen.

Das alles macht unsere Arbeit offensichtlich schwieriger. Aber wir passen uns an. Cybersicherheit ist etwas, das wir in der russischen Zivilgesellschaft intensiv betreiben. So helfen wir Menschen, sich selbst zu schützen. Obwohl alle westlichen sozialen Medien in Russland quasi verboten sind, nutzen die meisten Menschen sie trotzdem weiter – mit der Hilfe von VPN. Es gibt also keine vollständige Internetblockade. Alle, die wissen wollen, was in der Welt passiert, haben weiterhin die Möglichkeit, es zu erfahren.

ES: Europa steckt in einer massiven Aufrüstungswelle. Dagegen formiert sich zivilgesellschaftlicher Widerstand – auch in Österreich. Wie blickst du auf diese neue Antikriegsbewegung?  

LN: Das ist ein sehr sensibles Thema für mich, weil ich mich solidarisch mit meinen feministischen, antifaschistischen und antiautoritären Genoss*innen in der Ukraine fühle. Wir haben viel Kritik von europäischen Antimilitarist*innen erfahren. Gemeinsam mit ukrainischen Antiautoritären und linken Aktivist*innen sagen wir, dass die Ukraine Waffen braucht, um sich gegen die russische Aggression zu verteidigen – eine koloniale und imperialistische Aggression. Russland sieht die Ukraine nicht als unabhängiges Land. Es sieht sie als Teil des „russischen Imperiums“. Putin versucht dieses Imperium durch die Besetzung souveräner Länder wiederherzustellen.

ES: Bezeichnest du dich selbst als Antimilitaristin?

LN: Ja, ich bin Antimilitaristin. Ich bin gegen Waffen und Kriege. Aber ich verstehe auch, dass unsere reinsten antimilitaristischen Ideen nicht auf diese Realität anwendbar sind. Ich kann als Antimilitaristin nicht zu einer Ukrainerin sagen, dass Waffen schlecht sind und wir deshalb keine Waffen liefern. Ihr Land wird gestohlen. Ihre Familienmitglieder werden ermordet und ihre Kinder entführt. Gespräche über Frieden und Demilitarisierung sind großartige Gespräche. Ja, ich will die Welt entmilitarisieren – aber in der aktuellen Lage der Ukraine spielen Gespräche über Frieden und Abrüstung, die das Leid und die Freiheit ukrainischer Menschen ausblenden, Putin in die Hände.

ES: Warum das?

Der Kreml liebt die antimilitaristische Bewegungen in Europa. Putin will die Demilitarisierung Europas, damit er die Ukraine übernehmen und andere Territorien erobern kann. Ich bin kein Fan der Europäischen Union. Aber ich glaube nicht, dass die großen aggressiven Länder – wie Russland oder die USA – sich demilitarisieren werden. Mit bloßen Händen können wir uns nicht gegen sie verteidigen. Mir ist zwar klar, dass die Militarisierung Europas schlecht ist, aber ich sehe keinen produktiven Ausweg.

ES: Was schlägst du stattdessen vor?

LN: Ich halte es für sehr wichtig, bei antimilitaristischen Idealen nicht nur Forderung nach Frieden und Waffenfreiheit zu stellen. Wir sollten uns auch darauf konzentrieren, was wir konkret für vom Krieg betroffene Menschen tun können. Ich höre zwar oft, wie schlecht es sei, Waffen an die Ukraine zu liefern, weil Europa dadurch mehr Waffen produziere. Was ich aber fast nie höre, ist, wie man Russland entmilitarisieren oder die russische Armee schwächen will. Putins Regime ist wegen des Geldes aus fossilen Brennstoffen stark. Dieses Geld für die russische Öl- und Gasindustrie kam und kommt weiterhin aus Europa. Ich habe bis jetzt kaum antimilitaristische Aktionen gesehen, die sich aus Solidarität mit der Ukraine gegen die russische Öl- und Gasindustrie richten. 

ES: Welche Art der Solidarität wünschst du dir von Genoss*innen in Wien?

LN: Es gibt viele Möglichkeiten, die ukrainische Bevölkerung zu unterstützen. Viele Menschen frieren gerade in ihren Wohnungen, weil Russland erneut kritische Infrastruktur zerstört hat. Es fehlt an Geld und Ressourcen, um den Menschen das Überleben in diesem Winter zu ermöglichen. Es gibt tausende ukrainische Kriegsgefangene, tausende entführte ukrainische Kinder, tausende russische Deserteure. Über diese Menschen muss man reden. Auch medizinische Ausrüstung und Medikamente, lebensrettende Ausrüstung für Freiwillige sowie humanitäre Hilfe für Zivilist*innen werden dringend gebraucht. Das sind genauso antimilitaristische Themen. Denn das sind die Folgen des Krieges.

Heute am 24. Februar gibt es wieder ukrainisches Demonstrationen – ab 18 Uhr vor dem Parlament. Ich wünsche mir, dass Aktivist*innen, Gruppen und Bewegungen aus europäischen Ländern diese unterstützen – so wie ich es bei den palästinensischen Protesten oder den Protesten zur Unterstützung von Rojava erlebe. Denn ich glaube nicht, dass wir im Widerstand gegen Putins Regime erfolgreich sein können, ohne die Unterstützung unserer europäischen Genoss*innen.

ES: Warum ist es so wichtig, gemeinsam zu kämpfen?

LN: Die Ergebnisse des russischen Krieges gegen die Ukraine werden die Zukunft Europas bestimmen. Wenn Putin diesen Krieg gewinnt, wäre das eine Katastrophe für die Menschenrechte und die Freiheit in Europa und weltweit. Rechtsextreme Ideologie, Autoritarismus und Kolonialismus würden über seine Grenzen hinaus erstarken – das wird alle betreffen. Deshalb sollte der Kampf gegen und die Schwächung dieses Regimes ein gemeinsames internationales Ziel sein.

Ein gutes Beispiel ist die Kampagne „People’s First“. Sie vereint ukrainische und russische Menschenrechtsverteidiger*innen und fordert die Freilassung aller Kriegsgefangenen, aller politischen Gefangenen und einen sofortigen Waffenstillstand.

Interview: Ekaterina Schalmann
Titelbild:
FAR Vienna

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