Kanonen an der Küste Ghanas

Verspätete Gerechtigkeit? Die UN und das Erbe der transatlantischen Versklavung

Ghana bringt die Aufarbeitung der transatlantischen Versklavung zurück auf die globale Agenda: Eine UN-Resolution soll das Verbrechen völkerrechtlich neu bewerten – mit möglichen Folgen für Erinnerungspolitik, internationale Ordnung und die Debatte um Reparationen.

Die transatlantische Versklavung war „die größte Ungerechtigkeit und das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Mit diesen Worten brachte Ghanas Präsident John Mahama beim Gipfel der Afrikanischen Union im Februar in Addis Abeba auf den Punkt, worum es bei einer neuen Initiative geht, die Ende März die internationale Bühne erreichen soll.

Ghana plant, unterstützt von der Afrikanischen Union und Staaten der Karibik, eine Resolution in die Generalversammlung der Vereinten Nationen einzubringen. Ihr Ziel: Die völkerrechtliche Einstufung der transatlantischen Versklavung als „schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Was zunächst wie eine symbolische Geste erscheinen mag, könnte weitreichende politische und juristische Konsequenzen haben.

Ein Kampf um historische Wahrheit

Die Dimensionen der transatlantischen Versklavung sind bekannt – und dennoch oft entpolitisiert. Zwischen 15 und 20 Millionen Menschen wurden laut UNESCO aus West- und Zentralafrika verschleppt und gewaltsam in ein globales System kapitalistischer Ausbeutung integriert und entmenschlicht. Millionen überlebten die Überfahrt nicht. Gleichzeitig legte die transatlantische Versklavung den Grundstein für enorme Wohlstandsakkumulation, von denen bestimmte Bevölkerungsgruppen bis heute profitieren.

Die daraus entstandenen strukturellen Ungleichheiten zeigen sich unter anderem in anhaltenden Einkommensdisparitäten, systemischem Rassismus und eingeschränkten Bildungschancen für die Nachfahren der versklavten Menschen. Auch kulturelle Identitätsverluste und kollektive Traumata wirken bis in die Gegenwart nach. Angesichts dieser Dimensionen stellt sich die Frage, wieso die transatlantische Versklavung nicht längst als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt wurde.

Wessen Geschichte wird erzählt?

Die Art und Weise, wie dieses Verbrechen international erinnert wird, ist bis heute umkämpft. Der verschönernde Begriff „Sklavenhandel“ ist nach wie vor omnipräsent, obwohl postkoloniale Theoretiker*innen wie Orlando Patterson oder Olúfẹ́mi O. Táíwò diesen seit langem kritisieren, da er die Realität verschleiert. Versklavung ist kein ökonomischer Austausch, sondern ein radikaler Gewaltakt, der Menschen aus sozialen Beziehungen reißt und entmenschlicht. Die geplante Resolution zielt darauf ab, diese Gewalt nicht länger als bedauerliches Kapitel der Vergangenheit zu behandeln, sondern als strukturelles Verbrechen, das die Grundlagen der modernen Weltordnung mit hervorgebracht hat.

Dabei geht es auch um eine Verschiebung der Perspektive: weg von eurozentrischen Narrativen, die den Kolonialismus als abgeschlossene Epoche darstellen, hin zu einer Sichtweise, die die Kontinuitäten von Ausbeutung, Rassismus und globaler Ungleichheit betont. Ehemalige Kolonialmächte haben sich solchen Vorstößen bislang vielfach widersetzt – nicht zuletzt aus Sorge vor den politischen und rechtlichen Konsequenzen einer offiziellen Anerkennung. Präsident John Mahama betont: „Diese Initiative ist nicht gegen ein Land gerichtet. Ihr Ziel ist Wahrheit, Anerkennung und Versöhnung“.

Cape Coast „Castle“ – ein ehemaliges Gefängnis für Einheimische, die für den Verkauf und Transport als Sklaven gefangen wurden (Foto: Christian Prasser)

Als illustratives Beispiel für die Verantwortungslosigkeit westlicher Kolonialmächte im Umgang mit ihrer Versklavung gilt Großbritannien: 1835 wurden 20 Millionen Pfund zur Entschädigung britischer Sklavenhalter nach Abschaffung der Sklaverei aufgenommen. Laut Angaben des Finanzministeriums wurden die daraus entstandenen Staatsschulden erst 2015 vollständig beglichen. Während Vertreter*innen aus dem Globalen Süden seit Jahrzehnten Reparationen für die Nachfahren versklavter Menschen fordern, floss öffentliches Geld in Großbritannien über Generationen hinweg weiterhin in die Tilgung von Schulden, die ursprünglich zur Kompensation der ehemaligen Profiteure der Versklavung dienten.

Neue Dynamik in der Reparationsdebatte

Der Zeitpunkt für das Vorantreiben einer solchen Resolution ist ambivalent: Die internationale Ordnung befindet sich in einer Phase tiefgreifender Umbrüche. Die Vereinten Nationen stehen unter Druck, ihre Autorität wird zunehmend infrage gestellt. Trump versucht mit dem Board of Peace eine Parallelorganisation aufzubauen und damit die UN zu untergraben. Die Resolution könnte in einem fragmentierten System schlicht verpuffen. Gleichzeitig entstehen neue geopolitische Allianzen und politische Räume, in denen möglicherweise neue Narrative entstehen können.

Die vielleicht brisanteste Konsequenz der Resolution liegt in ihrem Potenzial, die globale Reparationsdebatte  neu zu beleben. Bislang wurden Forderungen nach Wiedergutmachung von ehemaligen Kolonialmächten meist abgewehrt oder auf symbolische Gesten reduziert – Entschuldigungen, vereinzelte Rückgaben von Kulturgütern. Eine offizielle Anerkennung des Sklavenhandels als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ könnte jedoch eine neue Grundlage schaffen. Sie würde nicht nur moralische, sondern auch juristische Argumente stärken. Dabei geht es längst nicht nur um direkte finanzielle Entschädigungen. Diskutiert werden auch Schuldenerlasse, strukturelle Reformen internationaler Institutionen oder Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Für viele Aktivist*innen wäre die Resolution daher ein „erster Schritt“ – kein Abschluss, sondern der Beginn eines neuen politischen Prozesses.

Symbolische Politik – oder reale Konsequenzen?

Kritiker*innen könnten einwenden, dass solche Initiativen vor allem symbolischen Charakter haben und von drängenden aktuellen Krisen ablenken – von Konflikten im Sudan oder im Kongo etwa. Doch diese Gegenüberstellung greift zu kurz. Denn die sozialen und ökonomischen Folgen der Sklaverei und des Kolonialismus sind keine abgeschlossene Vergangenheit. Sie prägen bis heute globale Machtverhältnisse, Ausbeutung, und Formen von struktureller Armut.

Ob die Resolution tatsächlich verabschiedet wird, ist ungewiss. Auch welche konkreten Folgen sie haben könnte, bleibt offen. Klar ist jedoch: Der Vorstoß aus Ghana verschiebt die Debatte. Wenn die internationale Gemeinschaft anerkennt, dass die transatlantische Versklavung eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte war, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Welche Verantwortung ergibt sich daraus für die Staaten und Institutionen, die von diesem System profitiert haben?

Titelfoto: Christian Prasser

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