Wir brauchen als Bewegungen einen gemeinsamen Plan. Den sehen Simona und Tamara aktuell nicht. Ausgehend von dem konkreten Vorschlag All In rufen sie daher auf, Strategiedebatten zu stärken. Auf mosaik fangen sie damit an.
Die erste Hälfte des Jahres 2026 ist – nüchtern betrachtet – politisch und menschlich niederschmetternd: Grausame Kriege und Angriffe mehren sich. Gesellschaftliche Aufrüstung und Militarisierung werden hoch-, mühsam erstrittener Klimaschutz und Sozialstandards runtergefahren. Angesichts dessen hält die Ohnmacht einer zer- und versprengten Linken schon länger an.
2018 und in den Folgejahren hat die globale Klimagerechtigkeitsbewegung die Politik noch teilweise vor sich her getrieben. Bewegungen wie Ende Gelände in Deutschland oder auch Lobau Bleibt in Österreich konnten durchaus große Erfolge verzeichnen. Heute schafft es die Klimakatastrophe angesichts der globalen Krisen kaum noch auf die Agenda. Dabei tickt die Uhr unaufhörlich weiter. Wir müssen da raus. Aber wie?
All In – ein Vorschlag, alles reinzuwerfen
Es braucht mehr ernsthafte Strategie und Organisierung. Daran erinnern Mariana Rodrigues und Sinan Eden mit ihrem Anfang 2025 veröffentlichten Buch „All In: A Revolutionary Theory to Stop Climate Collapse“ eindringlich. Die zwei Aktivist*innen der portugiesischen Klimagerechtigkeitsgruppe Climaximo legten mit ihrem politischen Manifest eines der offensivsten strategischen Plädoyers der letzten Jahre vor. Sie selbst sehen ihr Buch als Intervention – als einen angry reminder innerhalb der radikalen Linken. Als radikale Linke verstehen sie diejenigen, die diese Welt grundlegend zum Besseren verändern wollen. Sie zielen auf große gesellschaftliche Umwälzungen anstatt Symptombekämpfung ab und vertrauen dafür in der eigenen Organisierung nicht auf Parteien.
Eine solche Linke habe zwar verstanden, dass die Klimakatastrophe von Bedeutung sei. Was sie jedoch konkret für all unsere Kämpfe bedeutet – seien diese antifaschistisch, feministisch oder sozial –, beschäftigt uns nicht wirklich. Die Klimakatastrophe hat eine Deadline: Wenn wir die 2-Grad-Erderwärmungs-Grenze überschreiten, heißt das nicht nur tödliche sozial-ökologische Konsequenzen – es zerstört die Grundlagen all unserer Versuche, die Welt zu einem gerechteren Ort zu machen.

Bereits beim EarthStrike 2019 das Motto: Kapitalismus versenken | (c) System Change
Mariana und Sinan folgern daraus, dass wir All In gehen müssen. Wir müssen jetzt alles reinwerfen und den fossilen Kapitalismus – sprich ein von u.a. Erdöl und Gas getragenes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem – abschaffen. In Europa soll das bis 2030 und global bis 2050 geschehen. Warum das bisher nicht passiert ist? Laut Mariana und Sinan glauben wir als Bewegungen einfach nicht genug daran, dass uns das auch gelingen kann. Deswegen messen wir unser Tun auch nicht an diesem Ziel. Wenn wir es ernst meinten, müssten wir uns immer fragen: Inwiefern helfen meine Aktionstage oder mein Bündnis mit den Gewerkschaften tatsächlich dabei, den fossilen Kapitalismus abzuschaffen?
Destabilisierung durch Ansatz des Bruches
Die Deadline ernstzunehmen, heißt nach Mariana und Sinan außerdem, sich konsequent einem Ansatz des Bruches mit dem bestehenden System zu verpflichten. Ein solcher Ansatz bedeutet, das bestehende kapitalistisch-fossile System aktiv zu stören und zu destabilisieren. Darunter fallen beispielsweise eine internationale Vergesellschaftung von Gaskonzernen, Acker- und Waldbesetzungen, die Autobahnen verunmöglichen oder die koordinierte Verweigerung von Fürsorgearbeit oder Kriegsdienst. Der Ansatz steht dabei in Abgrenzung zu dem sogenannten Inside-the-System-Ansatz. Er baut auf existierende politische Institutionen, um Veränderung zu erreichen – wie bspw. Petitionen, parlamentarische Prozesse oder gewerkschaftliche Streiks.
Mariana und Sinan grenzen den Bruch-Ansatz aber auch von einem Outside-the-System-Ansatz ab. Dieser setzt auf den Aufbau von Parallel-Institutionen wie Solidarische Landwirtschaften, Mutual-Aid Netzwerken und Polykliniken. In ihrer Verbreitung sollen diese die bestehenden Institutionen überflüssig machen. Für die zwei Aktivist*innen haben diese Aufbauarbeiten in einer Revolution mit Deadline vorerst keine zentrale Relevanz.
Um in kürzester Zeit einen Bruch zu erzeugen, sei es viel wichtiger, dass wir uns als antikapitalistische Bewegungen lokal als auch international intensiv koordinieren: Mariana und Sinan sprechen von der movement-as-party-Organisierung. Wir dürften nicht mehr magisch darauf vertrauen, dass alles, was organisierte Gruppen tun, tatsächlich ein sich ergänzendes Bewegungsmosaik bildet – schon gar nicht auf internationaler Ebene. Eine rein in nationalen Grenzen verbleibende Strategie sowie Organisierung können in Zeiten zunehmenden Machtverlusts der Nationalstaaten gegenüber supranationalen (Kapital-)Strukturen nicht funktionieren. Drei Viertel der allgemeinen strategischen Bewegungsressourcen gehörten auf eine internationale Ebene – inklusive Entscheidungsräumen.
Ein Aufruf zur Koordinierung
Revolution bis 2030 mittels Commitment zum Ansatz des Bruches begleitet von intensiver Koordinierung und konsequentem Internationalismus. So einfach, so größenwahnsinnig – möchte man aus erfahrener Aktivismus-Perspektive einwerfen. Doch auch Mariana und Sinan sind ebenso erfahren und keineswegs naiv. Insofern ist es sinnvoll, dass wir uns ihren Thesen ernsthaft widmen.
Den Aufruf zu besseren Koordinierung sollten wir ernst nehmen. Hier können wir lokal beginnen. In Wien hat es in den vergangenen Jahren zwei wichtige Zusammenkünfte gegeben. In sogenannten „Radical Assemblies“ diskutierten Teile der radikalen Linken über ihre thematischen Felder hinweg über die gesellschaftliche Lage und linke Politik. Warum hat es nach zwei Jahren (Wiener) Radical Assembly nicht geklappt, das Format fortzusetzen? Und wie wäre es mit städte- und länderübergreifenden Assemblies, wie es bereits mit der People’s Plattform versucht wurde? Internationale und lokale Versammlungen wären in unseren Augen die Orte, um Thesen, wie All In sie aufstellt, zu diskutieren. Es sind die Orte, um Überlegungen anzustellen, wie wir uns kollektiv besser absprechen und organisieren können.

Internationalistische Proteste 2023 in Wien gegen die European Gas Conference | (c) Andreas Stroh
Wo wir Mariana und Sinan außerdem zustimmen: Die Zeit des „Think Global, Act Local“ als Kernslogan der Klimagerechtigkeitsbewegung ist vorbei. Das Lokale in Form von Autobahnen und Kohlegruben haben wir lange genug priorisiert. Uns erscheint stattdessen „Strategize Global“ als gegenwärtig zentrales Element. Wie wäre es, koordiniert entlang von internationalen Lieferketten zu blockieren oder zentrale Schwachstellen in der Infrastruktur des globalen Kapitals ausfindig zu machen?
We don’t have time, we must be patient!
Für uns besteht kein Zweifel: Die genannten Aspekte würden unsere Bewegungen stärker machen. Doch eine Revolution stellen wir uns doch etwas komplexer vor. Das ist auch unser zentraler Kritikpunkt an All In. Braucht es für eine Revolution nicht viel mehr Menschen, wenn es nicht beim Aufstand der wenigen, dafür sehr überzeugten Aktivist*innen bleiben soll? Und selbst wenn die den Umsturz der Verhältnisse erkämpfen: Wie können sie tatsächliche Macht aufbauen und verhindern, dass Erfolge am nächsten Tag durch die kapitalistisch-militaristische Gegenmacht wieder zerstört werden? Und zum jetzigen Zeitpunkt – inmitten eines gesellschaftlichen Rechtsruck – einfach nur ‚die breite Masse‘ zu mobilisieren, führt uns auch nicht direkt in eine linke Revolution!
Wir kommen derzeit nur zu der Antwort, die uns reale Beispiele des gesellschaftlichen Aufbaus wie die Freiheitsbewegung in Kurdistan oder die Zapatistas mitgeben: „We don‘t have time, we must be patient.“ Es braucht Zeit, bis genug Menschen wirklich von einem Systemwechsel überzeugt sind und an ihm partizipieren können. Und auch nur, wenn genug Menschen überzeugt sind, sinkt die Gefahr für ein konterrevolutionäres Danach.
In diesem Sinne stehen wir der Überbetonung des Ansatz des Bruches mit dem System als einzige und alleinstehende Strategie kritisch gegenüber. Auch der Inside- und Outside-Ansatz müssen wohlbemerkt kritisiert werden, sobald sie als einziger Weg präsentiert werden. Sie aber gänzlich abzulehnen, halten wir für politisch falsch. Taktische Bündnisse mit Parteien, NGOs oder Bürger*inneninitativen (Inside-the-System) können störende Ansätze legitimieren und liberalere Zielgruppen radikalisieren. Die entsprechenden Institutionen wissen außerdem, wie eine Gesellschaft verwaltet wird. Diese Fähigkeiten brauchen wir im Übergang in eine besseren Gesellschaft. Alternative Institutionen (Outside-the-System) hingegen können Erfolge von Kämpfen absichern. So ist eine solidarische Landwirtschaft als Resultat einer Ackerbesetzung (wie z.B. in Lichtenwörth) ein wichtiger Schritt in Richtung Autonomie gegenüber den Herrschenden.
Toward a Living Revolution
Wenn nicht All In, was dann? Marianas und Sinans Buch ist überaus wertvoll. Es bringt uns als Klimagerechtigkeitsbewegung – jenseits der Kollapsdiskussion – zurück in die strategische Debatte. In einer solchen profitieren wir nicht nur von aktuellen Büchern. Wir können gegenwärtige Vorschläge durch gut gealterte ergänzen. Dabei denken wir etwa an das Buch „Toward a Living Revolution“ (1973), geschrieben von dem US-amerikanischen, anti-militaristischen Anarchisten George Lakey.

Muss die Revolution erst wachsen – wie hier in Lichtenwörth? | (c) Fischacker Biebt!
Lakey entwirft darin ein alternatives Revolutionsverständnis zu jenem in All In. Er hierarchisiert Ansätze nicht oder schließt sie gar aus. Stattdessen fokussiert er auf die zeitliche Abfolge von unterschiedlichen Ansätzen und ihren Strategien und fasst diese in revolutionäre Phasen zusammen. Zu Beginn einer Revolution stehen Agitation zur Bewusstseinsbildung, basisdemokratische Versammlungen und verschiedene kleine basisdemokratische Organisierungsformen. Vereinzelt werden alternative Institutionen aufgebaut. Diese eher in einem Outside-the-System-Ansatz zu verortenden Aktivitäten spitzen sich später zu einem Bruch zu. Vereinzelter Aktionismus und ziviler Ungehorsam weiten sich zu einer massenhaften Nicht-Kooperation mit dem herrschenden System aus – bspw. in Form eines Generalstreiks. Parallel können Inside-The-System-Strategien durchaus sinnvoll sein. Die Verwaltenden der alten Gesellschaft können in dem massiven Aus- und Aufbau neuer koordinierter Rätestrukturen auf allen gesellschaftlichen Ebenen mitwirken. Sie können so der neuen Gesellschaft auf die Beine verhelfen.
Wir sehen einen großen Mehrwert im Denken über zeitliche Abfolgen. Es zeigt auf, dass verschiedene Ansätze und Strategien notwendige Funktionen in revolutionären Prozessen einnehmen. Die Unterschiedlichkeit – wenn auch manchmal nervig – ist notwendig, solange sie sich nicht blockiert, sondern effektiv aufeinander aufbaut. Besonders der Fokus auf den basisdemokratischen Ansatz, mit dem frühzeitig Emanzipation angestrebt wird sowie die signifikante Rolle von Outside-The-System Institutionen, erscheinen uns als relevante Ergänzungen zu den wichtigen Überlegungen von All In.
Weniger Brechstange, aber ein Prozess mit Dringlichkeit
Die 2030 Deadline ist ernst – und wir wünschen uns von unseren Genoss*innen ein geteiltes Verständnis darüber, was uns mit der eskalierenden Klimakatastrophe erwartet. Dafür müssen wir raus aus der Ohnmacht, raus der Defensive und mehr miteinander reden. Wir müssen uns gemeinsam organisieren, koordinieren, strategisieren. Das Bewegungsmosaik mosaikt nicht von allein – die Assembly ruft. Internationalismus – wie es derzeit antikoloniale Bewegungen von Palästina- bis Kurdistansolidarität vormachen – muss unsere Überlegungen darin ständig und zentral begleiten.
Wir verstehen das Bedürfnis, mit der Brechstange in das Grauen dieser Welt eingreifen zu wollen, um im Vollsprint eine bessere Welt zu erschaffen. Oder auch – ganz existentiell – das Leben überhaupt erst möglich zu machen. Dass bestimmte Kämpfe – bspw. Kriege aufzuhalten und zu beenden – darin höhere Dringlichkeit haben als andere, muss beachtet werden. Wir sind trotzdem davon überzeugt, dass Revolution ein Prozess ist; ein mühsamer und beflügelnder, ein leid- und freudvoller Prozess, der manchmal einem Marathon gleicht. Unterschiedliche Strategien sollten darin Platz finden und aufeinander aufbauen. Die Mühen dieses Prozesses lohnen sich, weil Emanzipatorisches langfristig in ihm wachsen kann.
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Titelbild: System Change