Während AfD und FPÖ an Zustimmung gewinnen, fehlen linken Kräften gesellschaftlich verankerte und mehrheitsfähige Zukunftsperspektiven. Die neue Wiener Initiative Mala Zêrîn versucht mit ihren Diskussionsanstößen daran etwas zu ändern. mosaik-Redakteur Hannes Grohs war vor Ort und denkt die Impulse weiter.
Seit geraumer Zeit tut sich etwas in Wien. In der Goldschlagstraße 99 im 15. Bezirk hat ein neuer politischer Ort eröffnet: Mala Zêrîn. Der Name kommt aus dem Kurdischen. Mal bedeutet Haus, Zêrîn Gold oder wertvoll – gemeinsam also: das wertvolle Haus. Wertvoll sind auch die Diskussionen, die in Mala Zêrîn geführt werden. Im Juli war die Filmemacherin und Autorin Johanna Schellhagen zur Strategiedebatte eingeladen. Anfang des Jahres veröffentlichte sie ihr Buch „Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen. Ein Handbuch für Unerschrockene“. Ende des Sommer besuchte dann Eleanor Finley vom Institute for Social Ecology in Vermont, USA, Mala Zêrîn. Ihr Workshop zu Kommunalismus und Organizing zog knapp 100 Menschen in die Goldschlagstraße.
Kommunalismus nach Bookchin
Das Institute for Social Ecology steht in der Tradition seines Gründers Murray Bookchins. Bookchin wird zuweilen als libertärer Sozialist, manchmal auch als Anarchist beschrieben. Seine theoretische und politische Entwicklung verlief jedoch nicht geradlinig: Zunächst bewegte er sich stärker in marxistischen Kreisen. Später wandte er sich dem Anarchismus zu, um schließlich den Begriff des Kommunalismus zu prägen.

In Texten wie „The Communalist Project“ kritisiert Bookchin durchaus scharfzüngig sowohl die Unbeweglichkeit orthodox-marxistischer Theorien als auch den Individualismus, der manch anarchistische Ansätze dominiert. Die großen politischen Traditionen des 20. Jahrhunderts wollte er deswegen aber nicht verwerfen. Vielmehr versucht er an ihre Stärken anzuknüpfen. Entsprechend behält der Kommunalismus die kapitalistische Gesellschaft, ihre strukturellen Widersprüche – etwa zwischen Arbeit und Kapital – und die sozialistische Vision einer gerechteren Gesellschaft im Blick. Zugleich richtet er sich gegen die Konzentration politischer Macht im Staat. An ihre Stelle sollen konföderal organisierte, möglichst hierarchiearme Gemeinschaften treten. Im Zentrum der politischen Auseinandersetzung steht dabei die Kommune: also die Gemeinde bzw. die Stadt (municipality).
Versammlungen und Konföderationen
Die Vision des Kommunalismus ist es, die politischen Institutionen von Städten grundlegend zu verändern. Entscheidungen sollen möglichst in demokratischen Versammlungen (assemblies) getroffen werden, die von Nachbar*innenschaften und Stadtteilen ausgehen. Probleme, die die Lösungsfähigkeit der Nachbar*innenschaft übersteigen, werden auf nächst höherer Ebene in Zusammenschlüssen – sogenannten Konföderationen – diskutiert. Diese können regional organisiert sein, aber auch über Regionen hinausreichen.
In Assemblies und Konföderationen können Menschen erfahren, dass sich ihre Probleme gemeinschaftlicher und näher an ihren tatsächliche Bedürfnissen orientiert bearbeiten lassen. Je mehr Rückhalt diese Assemblies und Konföderationen erlangen und je besser sie zeigen, dass sie konkrete Probleme lösen können, desto stärker stellen sie die Legitimität staatlicher Institutionen infrage. Bookchin bezeichnet diese Strategie als Dual Power. Demokratische Alternativen werden parallel zum bestehenden politischen System aufgebaut. Schritt für Schritt sollen sie zentraler Staatsmacht und ihrer Entscheidungsfindung gesellschaftliche Legitimität entziehen.
Bookchin ist sich aber bewusst, dass die herrschende Klasse einer kommunalistischen Bewegung, die die Souveränität des Staates herausfordert, nicht ohne weiteres Rechte zugestehen wird. Deswegen müsse eine entsprechende Bewegung auch diskutieren, inwiefern sie sich strategisch in die bestehende, institutionelle Politik einmischt. So könnten etwa Bezirksräte oder andere kommunale Gremien genutzt werden, um Räume für populäre Gegenmacht zu öffnen.
Dual Power und die AfD
Wenden wir Bookchin auf die Gegenwart an, wird deutlich, dass die bestehenden politischen Systeme tatsächlich unter Druck geraten. Der gesellschaftspolitische Konsens der Nachkriegsordnung und seine neoliberale Ausprägung kommen an ein Ende. Große Volksparteien verlieren an Vertrauen und gesellschaftlicher Verankerung. Nicht zuletzt deswegen, weil sie seit über zwei Jahrzehnten keine nachhaltigen Antworten auf sich ständig verschärfende Krisen finden. Alternativen, die die politische Leere mit mehrheitsfähigen sozialistischen oder kommunalistischen Ideen füllen könnten, sucht man jedoch vergeblich.
Stattdessen profitieren autoritäre, rechtsextreme und zum Teil faschistische Kräfte. Das zeigen die jüngsten Wahlerfolge der AfD in Deutschland ebenso wie die hohen Umfragewerte der FPÖ in Österreich. Die Unterstützer*innen dieser Parteien stellen aktuell eine Mehrheit. Darauf verweist auch Thomas Zimmermann eindringlich im Jacobin-Magazin. Die AfD habe in Sachsen-Anhalt nicht nur einfach gewonnen. Sie hat das unter einer Rekordwahlbeteiligung getan. Es ist ihr gelungen, über 150.000 Nicht-Wähler*innen für die eigene Sache zu mobilisieren. Zimmermann schließt daraus: Bloße Anti-AfD-Politik stellt eine Sackgasse dar. Demokratie lasse sich nicht durch Abgrenzung verteidigen, sondern müsse für konkrete soziale und politische Mehrheiten kämpfen.
Zimmermanns Worte sollten nicht dazu führen, die AfD oder ihre Wähler*innen zu verharmlosen. Sie sind aber eine Erinnerung an eine wesentliche Aufgabe des Antifaschismus – nämlich, glaubwürdige Perspektiven auf ein besseres Leben zu vermitteln und erfahrbar zu machen.
Soziale Ökologie als Gegenerzählung
Das bringt uns zurück zu Eleanor Finley und in die Goldschlagstraße. Die Soziale Ökologie – der konzeptuelle Überbau des Kommunalismus – will genau solche positiven Zukunftsvorstellungen entwickeln. Finley versteht die Soziale Ökologie als konkretes Gegenprogramm zu dem, was sie im Anschluss an die kanadischen Autorinnen Naomi Klein und Astra Taylor als Endzeit-Faschismus beschreibt. Gemeint ist eine Politik, die das massenhafte Sterben in einer Situation sich zuspitzender ökologischer und sozialer Krise in Kauf nimmt oder es sogar befördert. Eine Politik, die Abschottung, Ausgrenzung und autoritäre Herrschaft verspricht, statt dafür zu kämpfen, dass möglichst viele Menschen und andere Lebewesen auf diesem Planeten gut leben können.

Die Soziale Ökologie hingegen erzählt keine Geschichte vom Ende der Welt, sondern von der Möglichkeit besserer Zeiten. Nicht von Trennung und Vorherrschaft, sondern von gegenseitiger Abhängigkeit und Zugehörigkeit. Nicht vom Entkommen aus einer zerstörten Welt, sondern davon, an Ort und Stelle zu bleiben und der krisengeschüttelten Wirklichkeit dieser Erde treu zu bleiben. Eine Wirklichkeit, in die wir verstrickt und an die wir gebunden sind.
Kommunalismus in Wien?
Das sind schöne und notwendige Worte. Dennoch bleiben viele Fragen offen: Wie kann eine solche Gegenerzählung Menschen erreichen und überzeugen? Wie wird sie im Alltag erfahrbar? Und wie lässt sich aus ihr konkrete politische Gegenmacht organisieren? Die Veranstaltung mit Eleanor Finley macht deutlich, dass diese Fragen immer im politischen Kontext gestellt und an den Konflikten, Erfahrungen und vorhandenden Ressourcen der Menschen orientiert sein müssen.
Gerade in Wien könnte dafür eine Chance liegen. Die Stadt baut auf der Geschichte des Roten Wiens auf. Seit 1945 stellt die SPÖ durchgehend den Bürgermeister, auch wenn sie in Wien in unterschiedlichen Koalitionen regiert hat. Im Vergleich zu vielen anderen Städten verfügt Wien weiterhin über eine starke soziale und öffentliche Infrastruktur, etwa im kommunalen Wohnbau und in Teilen der Daseinsvorsroge. Lange Zeit galt gerade das einer Linken außerhalb der Parlamente als Problem. Die Stadt Wien, so die zugespitzte Kritik, umarme eine*n zu Tode. Der Raum für eigenständige politische Organisierung sei eng oder werde schnell von der Stadt vereinnahmt.
Nun gerät aber auch dieses Modell unter Druck. Die Stadt Wien rüttelt selbst an ihren Grundfesten. Nach empfindlichen Kürzungen im Sozialbereich im vergangenen Jahr befürchten Sozialorganisationen das nächste Sparpaket. Unter dem Slogan „Wien bleibt anders“ haben sie sich zusammengeschlossen. Auch das SoWi_So-Bündnis mobilisiert weiter gegen Kürzungen. Dass wir diese Kämpfe noch führen und uns nicht – wie beispielsweise in Teilen der USA – bereits ausschließlich in antifaschistischen Abwehrkämpfen befinden, sollten wir bei aller Ambivalenz positiv sehen. Denn noch bietet Wien die Möglichkeit, an Erfahrungen einer geteilten Geschichte und an bestehende sozialen Errungenschaften anzuschließen.
Wien selber machen
Zugleich muss klar sein, dass diese Errungenschaften nie allen Menschen in dieser Stadt zu gleichen Teilen zugute kamen. Viele Menschen wurden und werden von Wohnraum, sozialer Sicherheit, politischer Mitsprache und öffentlicher Infrastruktur systematisch ausgeschlossen. Wer die Geschichte vom Roten Wien erzählt, muss auch die Geschichte migrantischer Selbstorganisierung in dieser Stadt erzählen.
Deswegen reicht es nicht, Wien einfach nur so zu verteidigen, wie es ist. Es reicht nicht darauf zu hoffen oder zu fordern, dass Wien anders bleibt. Wir müssen darüber sprechen, wie wir Wien selber machen können: um bestehende Ausschlüsse zu überwinden, soziale Infrastruktur zu verteidigen und auszubauen und demokratische Handlungsmöglichkeiten von unten zu schaffen. Das SPÖ-geführte Wien wird weiterhin an Stabilität verlieren. Wenn diese Ordnung ins Wanken gerät, müssen linke und solidarische Kräfte darauf vorbereitet sein. Sonst ist nicht auszuschließen, dass auch in Wien die politische Leere von FPÖ und anderen rechten Kräften gefüllt wird.
Kommunalistische Ideen können helfen, sich ein solches, selbst gemachtes Wien vorzustellen. Ökonomische Fragen bleiben in diesem, stärker auf die politische Dimension fokussierten Ansatz, allerdings offen. Die Diskussionen haben gerade erst begonnen. In diesem Sinne können wir gespannt sein, welche Impulse demnächst aus der Goldschlagstraße kommen und wie wir sie nicht nur weiterdenken, sondern auch umsetzen können.
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Das Titelbild dieses Beitrags ist von Jlo. Die Fotografien stammen aus einem Fundus alter Dias. Sie wurden in den ersten Lockdowns der Corona-Pandemie angeschafft, um zu Hause mit Bezugspersonen Diashows im Stil der Großelterngeneration zu veranstalten, diese mit ausgedachten Geschichten zu untermalen und gemeinsam zu lachen. Durch verschiedene Arten von Schimmel und langem Aussetzen in Feuchtigkeit sind viele der Dias verfremdet worden. Hierdurch zersetzen sich die Motive zu spannenden Farbformen. Jlo versucht, diesen Prozess selbst herzustellen und als Kunstprojekt aufzugreifen. Jlos Bilder begleiteten bereits den mosaik strategy summer 2025.