Illustration Postbote mit Zeitungen

Die Welt ist mehr als Trump

Während Donald Trumps USA beinahe täglich die Titelseiten großer Tageszeitungen schmücken, wird sich mit zig Staaten kaum tiefergehend auseinandergesetzt. mosaik-Redakteurin Agnes Sieben legt in der neuen Medienrauschen-Kolumne den Blick auf diese verzerrte Darstellung der Welt.

In meiner Familie gibt es eine kleine Tradition. Wenn ich länger zu Hause bin, sitzen wir morgens auf dem Sofa, trinken Kaffee und lesen Zeitung. Bei meinem letzten Besuch wurde diese Tradition erweitert. Jeden Tag rief meine Mama nämlich: „Wenn morgen wieder Trump auf der Titelseite ist, dann bestelle ich diese Zeitung ab!“ Mein Papa widersprach ihr. Ich würde seine Aussage auf zweierlei Weise zusammenfassen: Erstens als „wie kann jemand meine geliebte Tageszeitung angreifen?“ und zweitens als „Wir können doch nicht einfach die Augen vor diesem Mann verschließen, uns im Wohnzimmer verkrümeln und die Welt aussperren.“ Aber wieso erscheint Trump eigentlich täglich auf der Titelseite?

Die Verzerrung der Welt aus Trumps Augen

Laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung aus dem Jahr 2022 ist „die Welt“ in deutschen Zeitungen vor allem die USA. In 23 deutschen Zeitungen wurde in einem Zeitraum von 10 Jahren über 8 Staaten – insbesondere die USA – mehr als 100.000 mal berichtet, während 34 Staaten weniger als 50 mal erwähnt wurden. 15 Länder wurden gar nicht erwähnt. Während die eine Welt uns einnimmt, verblassen die vielen anderen.

Die Folge ist eine verzerrte Darstellung der Welt, die vor allem Angst schürt und den Blick auf Alternativen versperrt. Perspektivlosigkeit entsteht angesichts der derzeit viel diskutierten Antworten: von Krieg bis zu Sozialkürzungen und der Rückkehr einer ignoranten Wirtschaftspolitik. In Diskussionen werde ich schnell als ignorant dargestellt, wenn ich solchen, meiner Meinung nach gefährlichen Antworten mit scheinbar utopischen Alternativen widerspreche. Aber manchmal frage ich mich: Wer ist hier wirklich ignorant gegenüber der Welt? Und wie sollen sich Leser*innen eine alternative Welt erdenken, wenn die Welt vieler Zeitungen die Trump-Welt ist?

Von schmerzhaften Fehlmeldungen…

Die Studie der Otto Brenner Stiftung führt das „Verblassen der Welt“ in Tageszeitungen unter anderem auf den gravierenden Spardruck in den Redaktionen zurück. Dieser zeigt sich in ausgedünnten Korrespondent*innenetzwerken. Dadurch entstehen häufiger Artikel aus der Ferne, verfasst von Journalist*innen, die mit den jeweiligen Ländern kaum vertraut sind. Das erklärt für mich, warum ich in vielen Tageszeitungen vermehrt Zusammenfassungen anderer Zeitungen lese. So auch diese Woche beim ORF, wo ich endlich wieder auf einen Artikel über Bolivien stieß und interessiert zu lesen begann.

Ich habe mehrfach für mehrere Monate in Bolivien gelebt und mir ist bewusst, dass mich das angreifbar macht – aber manchmal richtet sich mein Blick auf die Welt von dort aus. Beim Lesen stellte sich schnell Enttäuschung ein. Der Artikel wirkte wie eine Schularbeit aus dem Englischunterricht mit der Aufgabenstellung: „Fasse die Berichterstattung über die wirtschaftlichen Kennzahlen in Bolivien 100 Tage nach dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Rodrigo Paz zusammen.“ Der Beitrag war überschrieben mit „Antipopulist bringt Bolivien zurück auf Kurs“.

Liest man hingegen bolivianische Medien, zeigt sich ein vollkommen anderes Bild. Die Regierung verfolgt demnach eine Wirtschaftspolitik, die vor allem Steuerentlastungen plant, von denen nur ein kleiner Teil der Bevölkerung profitiert. Das wirkt wie eine regressive Umverteilung, die strukturelle Ungleichheit verfestigt und Steuergerechtigkeit zugunsten der eigenen Klientel vorsieht. Gleichzeitig nimmt in sozialen Netzwerken offener Hass gegen Indigene und andere gesellschaftliche Gruppen zu.

…bis zu romantisierender Einseitigkeit

Tiefergehende Analysen zu Bolivien sind allgemein selten. Nach meinen Aufenthalten vor Ort schickten mir Familienmitglieder immer dann Zeitungsartikel, wenn Bolivien erwähnt wurde. Ich habe ziemlich viele davon mit schönen Fotos indigener Frauen aus La Paz, den sogenannten Cholitas, zuhause. Darauf sind sie mit ihren langen, bunten Kleidern zu sehen, wie sie – für unsere Augen aus unserer Welt – ästhetisch als Bergsteigerinnen einen der höchsten Berge Boliviens erklimmen.

Diese Bilder sind ohne Frage beeindruckend. Dabei geht jedoch verloren, dass die Emanzipation der (indigenen) Frauen Boliviens weit über den Sport hinausreicht. Die Paceña Cholas sind die treibende Kraft hinter dem wirtschaftlichen Aufstieg. Sie pendeln zwischen China und Bolivien, halten den Handel am Laufen und erfinden die Stadt architektonisch neu. Ein weiteres Beispiel sind feministische Medienprojekte wie Muywaso, die unter anderem indigene Transfrauen in den Mittelpunkt stellen.

Ausbeutung lokaler Stimmen

Ich würde gerne mehr sichtbare Beiträge von Bolivianer*innen in deutschsprachigen Zeitungen lesen. Doch stattdessen ist es Realität, dass immer häufiger mit sogenannten „Zulieferer*innen“ gearbeitet wird. Dabei handelt es sich um Journalist*innen, die mit ortsüblichen Honoraren vergütet werden und somit deutlich weniger als entsandte Korrespondent*innen verdienen. Sie bleiben oft unsichtbar und sind gleichzeitig den zunehmenden Gefahren für Journalist*innen ausgesetzt. Auch fallen sie nicht unter die Hoheit ausländischer Botschaften. Wie dramatisch dies sein kann, zeigt sich nach dem Abzug aus Afghanistan. Aber auch in Lateinamerika, besonders in Mexiko, ist es für Journalist*innen teilweise lebensgefährlich. Bolivianische Journalist*innen sind ebenfalls immer wieder Angriffen ausgesetzt, wie Reporter ohne Grenzen berichtet.

Entlang journalistischer Lieferketten wirken – genauso wie in anderen globalen Produktionsnetzwerken – Machtdynamiken, die riskante Arbeiten auslagern und durch niedrige Löhne Einsparungen nach unten weitergegeben.

Die Strategien der Welt im Überleben

Apropos Lieferketten: Da muss ich an ein Gespräch mit einem indischen Arbeitsrechtsaktivisten denken. Als ich ihn auf die Diskussionen über die EU-Lieferkettenregulierung anspreche, lacht er und sagt: „Wenn ich ehrlich bin, glaube ich nichts von dem, was von der EU versprochen wird, bis ich es spüre. Aber wir haben unsere Strategien, um zu kämpfen.“ Die Otto-Brenner-Stiftung begründet ihre Sorgen über die derzeitige Situation mit der Ignoranz gegenüber vielen Krisen. Ich begründe das auch mit der Ignoranz gegenüber Strategien des Überlebens.

So kann ich am Ende nur meiner Mama zustimmen: Die Welt ist nicht nur Trump. Sie ist riesig, inspirierend und grauenvoll, sie prägt Politik und Journalismus. Sie entwickelt Strategien, um im Kapitalismus zu überleben. Sie protestiert, sie schreit, lacht und weint. Sie wäre es wert, die Titelseiten zu füllen – damit wir mehr sehen als Trumps Reichtum und unsere eigene Angst, unbedeutend zu sein.

Alle Artikel der Medienrauschen-Kolumne findet ihr hier.

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