Mit Anfang 30 in die politische Depression. mosaik-Redakteur Andreas Aipeldauer berichtet in seinem Beitrag zum mosaik Strategy Summer von einer ausgeprägten Sinnkrise. Er durchlebt eine zweite Pubertät: Nach einem halben Leben in der politischen Organisierung fragt er sich, ob er hier noch richtig ist und gewinnt erste Einsichten.
*** Ihr lest den vierten Beitrag im diesjährigen mosaik Strategy Summer. Dieses Jahr fragen wir uns mit je einem Artikel pro Woche, was es heißt zu gewinnen und was es überhaupt zu gewinnen gibt? ***
Ich bin Anfang 30, in der außerparlamentarischen Linken organisiert und letzten Winter ging es mir richtig schlecht. In dieser Zeit der Winterdepression lese ich das Buch „dabei geblieben: Aktivist*innen erzählen vom Älterwerden und Weiterkämpfen“ von Rehzi Mahlzahn. Es versammelt 25 Interviews mit Aktivist*innen, die Mitte vierzig, fünfzig, sechzig sind, immer noch auf die Straße gehen, Aktionen planen, Plena besuchen oder auf vielen anderen Wegen ihre radikale Kritik an den Verhältnissen ausdrücken. Die Autorin ist zum Zeitpunkt des Erscheinen des Buches Anfang dreißig. Ein zunehmendes Gefühl der Entfremdung von bestimmten linken Ritualen und Codes führt sie zu dem Wunsch, die älteren Genoss*innen zu befragen. Die Interviewten gehören verschiedenen linken Bewegungen an. Sie blicken auf ihr Leben. Sie erzählen, wie alles angefangen hat, woran sie verzweifelt sind, was sie ermutigt hat oder wie sie mit Frust umgehen.
Das Buch war ein Lichtblick in meiner depressiven Phase. Ich befinde mich aktuell in einem ähnlichem Lebensabschnitt wie die Autorin und stelle mir dieselben Fragen, die sie sich vor rund 10 Jahren gestellt hat. In ihrem Vorwort schreibt sie von einer biographischen Krise und einer „zweiten Pubertät“, in der sie sich rund um ihren 30. Geburtstag befindet. Das Begriffspaar spricht mich sofort an. Denn die aktuelle Lebensphase fühlt sich tatsächlich nach einer ähnlich großen Umbruchphase an wie die erste Pubertät. Wie Rehzi Mahlzahn begebe ich mich deswegen auf Spurensuche. Ich befrage meine Depression auf ihre politische Ursachen. Spreche mit meiner Genossin Lisa, die vor kurzem Mutter geworden ist und treffe zwei ältere Genoss*innen, die wichtige Einsichten bereit halten.
Raus aus der Ohnmacht, rein in die Szene
Meine Politisierung beginnt mit 17 in in einer oberösterreichischen Kleinstadt. Auch damals – gegen Ende meiner Schulzeit – befinde ich mich in einer depressiven Phase. Der Aktivismus, in den ich mich stürzte, gab mir zum ersten Mal das Gefühl, irgendwo anzukommen. Ich fühlte mich verstanden und akzeptiert. Ich war unter Gleichgesinnten und erfuhr Selbstwirksamkeit. In der politischen Organisierung lernte ich neue Analysewerkzeuge kennen. Ich bekam dadurch einen anderen Blick auf die Welt. Ich begriff, dass sie veränderbar ist und dass es für ihre tatsächliche Veränderung notwendig ist, organisiert sein.
Und so tauchte ich in den folgenden Jahren in die subkulturelle außerparlamentarische Linke ein, die viele auch einfach linksradikale Szenen nennen: Drei Plena die Woche, dann noch zur Demo am Wochenende, ein großes soziales Umfeld, ein Verschwimmen von Freund*innenschaft und Genoss*innenschaft. Ich fühlte mich rebellisch und radikal, grenzte mich von Lohnarbeit, Familie, Karriere und – im Politischen – der Zivilgesellschaft ab. All das lehnte ich als zutiefst bürgerlich und im Kern konterrevolutionär ab. Rebellion und sozialer Anschluss in der Szene haben mich aus meiner Depression geholt. Sie haben mir wieder ein Gefühl von Relevanz und Selbstwirksamkeit gegeben. Heute führe ich ein Leben, wie ich es mir mit Anfang 17 vorgestellt habe: politisch aktiv, ein geringes Ausmaß an Lohnarbeit, ein Leben ohne viel Geld. Mehr als zehn Jahre später fühle ich mich jedoch in meiner „zweiten Pubertät“ angekommen und merke, dass sich meine Vorstellungen geändert haben.
Die zweite Pubertät und ihre Zweifel
Konkret haben sich meine Lebensrealität und meine Bedürfnisse geändert. Ein wesentlicher Teil meiner Winterdepression bestand darin, die Lebensentscheidungen meiner 20er zu hinterfragen. Um mich herum beginnen meine Genoss*innen ihre Studien und Dissertationen abzuschließen. Sie legen kleinere bis größere Karrieren hin, verdienen besser und gründen Familien. Manche kaufen sich sogar eine Wohnung. Dadurch beginne auch ich zu hinterfragen, ob ich nicht doch etwas mehr Ehrgeiz an den Tag legen und etwas Handfestes studieren hätte sollen. Ein anderer Weg – gegen den ich mich damals entschieden hatte – wäre möglich gewesen. Er hätte möglicherweise bedeutet, nicht wie jetzt immer nur schlecht bezahlte Jobs zu machen und, ja, auch etwas an Selbstverwirklichung in der Lohnarbeit zu erfahren – immerhin verbringt man einen erheblichen Teil seiner Lebenszeit dort.
Mich treibt die Frage um, wie es möglich ist, diese Sachen zu vereinen. Weiter ein aktivistisches Leben zu führen, auch Erfüllung im Job zu finden, eine schöne Wohnung zu haben, genug Zeit um Freund*innenschaften zu pflegen und auch Geld für ein bisschen Luxus zu besitzen. Nicht mehr zu studieren und stattdessen 30-40 Stunden die Woche in die Lohnarbeit zu gehen, bringt durch Zeitmanagement und Priorisierung der eigenen Bedürfnisse neue Herausforderungen. Oft wird das in einer vermeintlichen Trennung zwischen politischem Aktivismus und Privatleben verhandelt. Mich beschäftigt, wie eine außerparlamentarische Linke organisiert sein muss, um dies unterschiedlichen Bedürfnisse besser in Einklang zu bringen und uns auf ihre Veränderung vorzubereiten?
Entfremdung von einer zerfressenen Szene
Immer mehr merke ich, dass ‚die Szene‘, die so lange meine politische und soziale Heimat war, bis auf vereinzelte Personen und Strukturen, nicht bereit ist, sich die Fragen zu stellen, die ich mir stelle. Und so merke ich genauso wie Rehzi Mahlzahn eine zunehmende Entfremdung von diesen Strukturen. Gleichzeitig heißt das auch, sich mit meinem eigenem Scheitern zu beschäftigen. Immerhin war ich auch über ein Jahrzehnt in der Szene und bin es in Teilen immer noch.
Blicke ich auf uns und das, was wir tun, sehe ich eine Szene, die zerfressen ist von Egoismus, einer beschissenen Kommunikationskultur und einer mangelhaften bis nicht existenten Auseinandersetzung mit Gefühlen und Bedürfnissen. Wir sind geprägt von inneren Streits und Kämpfen um Hegemonie in einer Subkultur, die gesellschaftspolitisch irrelevant ist. Rehzi Mahlzahn beschreibt diesen Zustand so: „unproduktiv, von außen kaum mehr nachvollziehbar, haarspalterisch und so offensichtlich von Projektionen, Übertragungen und psychischen Verletzungen durchzogen, ohne es zu reflektieren und daran arbeiten zu wollen.“
Politik, aber bitte ohne Kinder
Im spreche mit meiner Genossin Lisa. Sie ist seit ihrer Jugend politisch aktiv, Feministin, Anarchistin und seit kurzem Mutter. Lisa sagt, dass sie aktuell gar nicht so viel nach politischer Organisierung sucht. Vielmehr sucht sie nach Personen, die am Vormittag Zeit haben und eine ähnliche Lebensrealität teilen. Diese Menschen zu finden, ist schwer. Denn die Art und Weise, wie Politik in außerparlamentarischen, autonomen Kontexten gemacht wird, ist nicht kompatibel für Menschen mit Kindern. „Wir müssen uns privat darum kümmern, uns freizuschaufeln und uns Unterstützung zu suchen für die Kinderbetreuung, wenn wir weiter teilhaben wollen“, erzählt sie mir.
Sie macht deutlich, wie beschränkt unsere politische Zusammenschlüsse ausfallen. „Worum es mir in einer politischen Organisierung geht, ist ein Zusammenleben, das Leben gemeinschaftlich zu organisieren, quasi als Vorschein der befreiten Gesellschaft. Dass wir uns bei der Kinderbetreuung und beim uns umeinander Kümmern zusammentun. Das geht aktuell mit Freund*innen besser als mit Genoss*innen. Aber ich wünsche mir solche solidarischen Praxen auch in unseren Strukturen.“ Lisas Worte werfen Fragen der Arbeitsteilung auf: Welche Bereiche des Lebens sollen über politische Strukturen organisiert sein und welche sind vielleicht doch besser in den informellen Netzwerken von Freund*innenschaft und Familie aufgehoben?
Vorwärts und nicht vergessen
Szenenwechsel: Ich treffen zwei langjährige Genoss*innen im Club International am Wiener Yppenplatz. Er, Anfang 50, politisiert im Kontext der 1990er Jahre und der Antiglobalisierungsbewegung Anfang der 2000er. Sie, in ihren 60ern mit einer Politisierung in den feministischen Kontexten Ende der 1970er Jahre. Als ich ankomme, sitzen sie mit zwei anderen Genoss*innen ähnlichen Alters am Tisch. Sie haben sie zufällig getroffen. Seit langem fühle ich mich wieder sehr jung – ein schönes Gefühl.
Wir beginnen unser Gespräch mit unseren unterschiedlichen politischen Sozialisierungen und Prägungen. Wir sprechen darüber, dass Älterwerden viel mit der Reflexion der eigenen Selbstverständlichkeiten zu tun hat. Und mit der Frage, welche davon immer noch gültig sind und welche es abzulegen gilt. Die Genossin berichtet: „Ich weiß noch, wie ich das erste Mal in einer Vorstellungsrunde nach meinem Pronomen gefragt wurde und wie verwirrt ich von dieser Frage war. Die Auseinandersetzung mit den neuen queeren Selbstverständlichkeiten ist für uns Alte herausfordernd, aber gleichzeitig auch spannend.“
Beide berichten über die vielen Generationen politisch aktiver Menschen, die sie erlebt haben. Sie sprechen auch darüber, wie sich ihre eigene Rolle in den jeweiligen Kontexten verändert hat, in denen ein Großteil der aktiven Menschen zwischen 20 und 30 ist. Das betrifft vor allem die Frage wie Erfahrungen, die in der eigenen politischen Arbeit gemacht wurden, weitergegeben werden können. Einerseits will man nicht belehrend wirken. Andererseits sich auch selbst eine Offenheit für neue Entwicklungen behalten. Es stellt sich aber auch ein Gefühl der Frustration ein, wenn etwa die ewig gleichen Debatten geführt werden oder nicht mehr die Kraft da ist, immer überall dabei sein zu können und zu wollen. Gleichzeitig ermöglicht die längere, über Bewegungszyklen gehende Erfahrung jedoch auch, Erfolge (diskursive wie konkrete) wahrzunehmen und nicht nur in Misserfolgen und verlorenen Kämpfen zu denken.
Marsch durch die Institutionen und Verluste
Im Gespräch am Yppenplatz wird von den Genoss*innen aber auch noch etwas anderes thematisiert: Älterwerden heißt auch, zu lernen, mit Verlusten umzugehen. Genoss*innen, die gerade noch neben einer*einem auf der Straße standen, verschwinden scheinbar plötzlich in weniger rebellischen Institutionen – seien es Parteien oder Gewerkschaften – und lassen ihre frühere, ‚radikale‘ Phase hinter sich. Es geht hier nicht darum das politische Engagement in Institutionen per se zu verteufeln. Bieten sie doch (vermeintlich) deutlich mehr an politischer Wirksamkeit an. Gleichzeitig bedeutet in Institutionen, wie linken Parteien, NGOs oder Gewerkschaften Politik zu machen, einen Anpassungsdruck an den Habitus und den politischen Rahmen dieser Institutionen. „Über die Brücke in die Institutionen zu gehen, heißt machtpolitische Anpassung. Es ist schade, dass viele Menschen nur diese Option oder den Rückzug in Wissenschaft oder Privatleben wählen können“, erzählt die Genossin.
Jetzt könnte man den Genoss*innen, die sich für diesen Weg entschieden haben, moralische Schwäche vorwerfen. Wir können den Spiegel aber auch auf uns richten: Vielleicht ist es gar nicht so verwunderlich, dass bei der Schwäche der radikalen außerparlamentarischen Linken in Österreich Menschen Orte wählen, an denen sie das Gefühl haben, Politik machen zu können, die eine Außenwirkung auf die Gesellschaft hat.
Auch denjenigen Genoss*innen, die sich aus der politischen Organisierung zurückziehen kann man vorwerfen, aufgegeben zu haben. Gleichzeitig können wir selbstkritisch feststellen, dass unsere Strukturen schlichtweg zu schwach sind, um diese Menschen zu halten. Was uns also fehlt, sind Organisierungen, in denen sich diese unterschiedlichen Bedürfnisse verbinden lassen. Und gleichzeitig beginne ich den Schmerz um den Verlust so vieler klugen Genossinnen und Freund*innen nachfühlen zu können. Wir könnten euch gut gebrauchen in den stürmischen Zeiten, die vor uns liegen.
Mehr Fragen als Antworten
Wer sich jetzt eine kluge Conclusio erwartet hat, die alle diese Stränge zusammenführt und mit klugen Vorschlägen daher kommt, den muss ich leider enttäuschen. Dieser Text ist ein Zwischenstand meiner Reflexionen und der Versuch einer ersten Artikulation. Ich stehe mitten in meiner „zweiten Pubertät“ und habe mehr Fragen als Antworten. Gleichzeitig merke ich – ähnlich wie mit 17 –, dass mich das politisch aktiv Sein und die intensive Auseinandersetzung mit genau diesen Fragen auch jetzt wieder handlungsfähiger gemacht hat. Gewonnen habe ich in den letzten Monaten einen neuen Zugang, auf die Welt zu blicken. Ich habe gelernt wieder Perspektiven im politischen Aktivismus zu sehen und gleichzeitig mein Leben neu zu ordnen, stärker auf mich und meine Bedürfnisse zu schauen.
Ich denke, dass auch viele Genoss*innen und die Szene viel zu gewinnen hätten, würden sie sich stärker mit diesen Fragen beschäftigen. Das wäre auch im Sinn der Entwicklung einer politischen Strategie, die auf Langfristigkeit setzt und den Anspruch hat Gesellschaft radikal zu verändern. Wir sprechen in unterschiedlichen Lebensphasen von unterschiedlichen Baustellen, die trotzdem alle miteinander zu tun haben. Sie können aber auch für sich stehen. Im Moment bleibt nur die Erkenntnis, dass wir zu wenig über diese Dinge reden, vor allem zwischen den unterschiedlichen Generationen.
Schließen möchte ich mit einem Zitat von Rehzi Mahlzahn, das meine widersprüchlichen Gefühle auf den Punkt bringt: „Nach langem Sträuben lerne ich jedoch etwas politisch Bedeutendes: Rebellion gehört zur Auseinandersetzung der Jugend mit der älteren Generation. Sie verbleibt aber in einer Abhängigkeit, weil auch Ablehnung eine Bezugnahme ist und keine Autonomie. Die Frage ist also, wie ein erwachsener Widerspruch zur Gesellschaft aussehen kann, der sich aus der (psychischen) Autonomie des Individuums speist und nicht aus Rebellion.“ Gewinnen werden wir nur, wenn wir uns gemeinsam diese und weitere Fragen stellen und daraus neue Formen der Organisierung bauen. Formen, die uns wachsen lassen und uns klüger machen und damit handlungsfähiger im Entwickeln einer gesellschaftlich relevanten Politik.
Unsere Sommerreihe wird mit Bildern von Jlo begleitet. Die Fotografien stammen aus einem Fundus alter Dias. Sie wurden in den ersten Lockdowns der Corona-Pandemie angeschafft, um zu Hause mit Bezugspersonen Diashows im Stil der Großelterngeneration zu veranstalten, diese mit ausgedachten Geschichten zu untermalen und gemeinsam zu lachen. Durch verschiedene Arten von Schimmel und langem Aussetzen in Feuchtigkeit sind viele der Dias verfremdet worden. Hierdurch zersetzen sich die Motive zu spannenden Farbformen. Jlo versucht, diesen Prozess selbst herzustellen und als Kunstprojekt aufzugreifen.
Hier könnt ihr die bisherigen Artikel des Strategy Summer 2025 lesen:
Wofür kämpfen, was gibt es zu gewinnen? – Prolog zum strategy summer 2025
„Und lasst die Erde erzittern zum Gebrüll unserer Freund*innenschaft“
Lässt sich gegen Bodeneigentum langfristig gewinnen? Beobachtungen aus der Comunidad María Auxiliadora