Können wir gewinnen, wenn wir uns stärker global organisieren? mosaik-Redakteur Hannes Grohs widmet sich in der fünften Ausgabe des mosaik strategy summer dem Feld des Internationalismus. Anhand konkreter Beispiele zeigt er auf, was es voneinander zu lernen gibt und was uns wieder näher an Erfolge bringt.
Im Herbst 2018 machte sich eine feministische Delegation auf den Weg nach Rojava – die kurdischen Gebieten in Nord- und Ostsyrien. Die Teilnehmerinnen der von Deutschland ausgehenden Delegation führten Interviews mit Frauen vor Ort. Sie wollten mehr über die gesellschaftliche Revolution herausfinden, die in Rojava seit 2012 stattfindet. Die Erfahrungen der Delegation mündeten in einem Buch. Es trägt den Titel „Wir wissen, was wir wollen.“ Dabei handelt es sich um ein Zitat – eine der interviewten Frauen, antwortete auf die Frage, was sie zum Weitermachen motiviert: „Wir wissen, was wir wollen und was wir tun.“
In unserer (bewegungs-)politischen Organisierung in Wien haben wir manchmal das Gefühl, dass wir weder genau wissen, was wir wollen, noch, was wir tun. Wir wollen eine andere Welt. Diese bleibt aber meist vage. Und wir tun, um der Ohnmacht zu entkommen, die wir angesichts der Lage der Welt um uns spüren. Die Fragen, warum wir tun und was wir wollen, treten dadurch häufig in den Hintergrund. Genauso der Blick dafür, was es braucht, um langfristig Ziele zu erreichen. Unser Aktivismus ist in der Krise. Mit vielen unserer Praktiken, Methoden und Zugänge sind wir an Grenzen gestoßen. Seien es Aktionsformen, konkrete Alternativen oder auch nur, wie wir miteinander in Beziehung treten. Die Linke ist aktuell nicht in der Lage – und die außerparlamentarische Linke schon gar nicht –, Diskurse zu beeinflussen oder die Machtfrage zu stellen. Vom Gewinnen sind wir weit entfernt. Kann sich das ändern, wenn wir uns verstärkt internationalistisch organisieren?
Der Kampf um Befreiung ist international
Die Antwort, die dieser Text auf diese Frage nahelegen will, ist „ja“. Das hat zunächst einen simplen Grund. Wenn wir diese Welt verändern wollen, müssen wir über Staats- und Nationsgrenzen hinaus denken müssen. Kapitalismus ist ein global organisiertes System. Deswegen muss auch der Widerstand dagegen global organisiert werden. Das ist eine Einsicht, die weder neu, noch groß umstritten ist. In einem lesenswerten Artikel „Internationalismus entlang der Pipeline organisieren“ aus dem letztjährigen mosaik strategy summer verweisen die Autor*innen auf Karl Marx und Friedrich Engels. Diese riefen bereits im Kommunistischen Manifest 1848 dazu auf: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“. Es folgten Versuche des Aufbaus einer kommunistischen Internationalen, die bis heute als Bezugspunkte gelten.
Der Blick auf globale Zusammenhänge findet sich aber nicht nur in der Tradition der Internationalen. Im erwähnten Artikel unterstreichen die Autor*innen den Ansatz der globalisierungskritischen Bewegung, deren internationaler Zugang sich später in der Klimagerechtigkeitsbewegung fortsetzt. Auch antimilitaristischer oder migrationspolitischer Aktivismus kommt nicht ohne ein Denken in globalen Zusammenhängen und Abhängigkeiten aus.
Sehnsuchtsort Rojava
Internationalismus als Perspektive beschränkt sich aber nicht auf das bloße Denken in globalen Zusammenhängen. Internationalismus fragt stets danach, was die Einsicht um diese Zusammenhänge für unsere konkrete politische Praxis bedeutet. Mit dieser Frage beschäftigen sich auch Aktivist*innen, die sich in ihrer Politik auf die gesellschaftlichen bzw. revolutionären Umbrüche in Nord- und Ostsyrien beziehen.
Der Beginn der Revolution in Nord- und Ostsyrien wird auf den 19. Juli 2012 datiert. Damals – in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs – verdrängten organisierte, militärische wie zivilgesellschaftliche Kräfte die staatlichen Institutionen des Assad-Regimes aus den kurdischen Gebieten Syriens – bekannt als Rojava. Sie riefen Selbstverwaltung und Autonomie aus und organisierten sich in der Folge unter dem Konzept des Demokratischen Konföderalismus. Ausgehend von städtischen und dörflichen Kommunen sollte ein basisdemokratisches System aufgebaut werden, das auch die Frauenbefreiung und ökologische Fragen ins Zentrum der gesellschaftlichen Auseinandersetzung rückt.
Seitdem ist Rojava ein Sehnsuchtsort für Teile der europäischen Linken. Als solcher ist er für viele Aktivist*innen nicht nur mit zahlreichen Wünschen und Hoffnungen, sondern auch mit vielen Projektionen verbunden. Was in der eigenen politischen Organisierung vermisst wird – bspw. Genossenschaftlichkeit, Gesellschaftsarbeit und Militanz –, wird in Rojava widerspruchsfrei vermutet. Von der eigenen Herkunftsgesellschaft wendet man sich frustriert – und nicht selten überheblich – ab.
Jenseits der Projektion
Diesen Projektionen liegt ein falsches Verständnis von Internationalismus zu Grunde. Internationalismus ist nicht die Suche nach einer vermeintlich besseren Welt woanders. Internationalismus findet hier und jetzt statt. Eine internationalistische Haltung bedeutet, an unterschiedlichen Orten unter unterschiedlichen Bedingungen zu kämpfen. Dabei müssen wir sehen, wie unsere Kämpfe zusammenhängen. Wir müssen erkennen, wann wir auf lokaler, regionaler oder globaler Ebene agieren, und wie wir uns gegenseitig stärken.
Vor Kurzem befand sich eine Delegation des europäischen RiseUp4Rojava-Netzwerks in Nord- und Ostsyrien. Die Teilnehmenden der Delegation fragten einen ranghohen Vertreter der Selbstverwaltung, wie sie die Revolution am besten unterstützen könnten. Die Antwort war eindeutig. Er verwies darauf, dass sich die europäischen Genoss*innen darauf konzentrieren sollten, ihre eigenen Organisationen zu stärken und ihre Kämpfe zu intensivieren: „This will give us room to breathe.“ Im Anschluss forderte er die Teilnehmenden zur Reflexion auf. Sie sollten nach ihrer Rückkehr überlegen, ob ihnen in Rojava Lösungsansätze begegnet sind, die sie auch auf lokale Herausforderungen anwenden können.
Was wir internationalistisch lernen können
Die Episode macht deutlich, dass sich Internationalismus auch im Denken der Genoss*innen vor Ort nicht auf Solidaritätsaktionen beschränkt. Sicherlich bleibt das Informieren der Öffentlichkeit und das unter Druck Setzen von bspw. Unternehmen, die von Krieg profitieren oder Regierungen, die sich einer heuchlerischen Doppelmoral hingeben, wichtig. Genauso wichtig ist aber, dass wir auch verschiedenen Ebenen nach konkreten Lösungen suchen und voneinander lernen.
Die internationalistische Praxis im Kontext Rojavas und Kurdistans hat vieles vorzuweisen, wovon es sich zu lernen lohnt. Ein Beispiel ist etwa die Analysefähigkeit der Genoss*innen, die man in diesem Umfeld trifft. Die aktuelle politische Lage sowie die konkreten sozialen Verhältnisse werden als Ausgangspunkte des eigenen politischen Handelns genommen. In unseren Bewegungsstrukturen ist uns die kollektive Analyse- und auch Diskussionsfähigkeit bisweilen abhanden gekommen. Wir füllen unsere Plena mit technischen Punkten von A-Z. Vielleicht nehmen wir uns beim nächsten Mal eine halbe Stunde Zeit, um für unsere Politik relevante, aktuelle Entwicklungen zu diskutieren. In internationalistischen Zusammenhängen ist das eine gängige Praxis – mit dem Ergebnis, Ereignisse auch in einen breiteren politischen Kontext einordnen zu können.
Widerständige Geschichte
Ein weiterer Aspekt, der im Austausch mit internationalistischen Genoss*innen auffällt, ist unsere weitestgehende Abkoppelung von unserer lokalen widerständigen Geschichte. Was wissen wir – als Bewegung(en) – über die Partisan*innen in Kärnten/Koroška, über die Widerstandsgruppe Willy-Fred im Salzkammergut oder die frühen feministischen Kämpfe in Österreich? Während die Genoss*innen unzählige Geschichten erzählen, bleiben wir oft stumm. Das Wissen um diese Geschichten ist kein Selbstzweck. Es vergegenwärtigt uns, dass wir auf etwas aufbauen, aus dem wir Kraft schöpfen können. Die Podcastreihe „Die Spitze des Eisbergs“ ist ein schönes Beispiel für diese Form der Geschichtsarbeit. Aktivist*innen beleuchten darin ausschnittsweise die Bewegungsgeschichte gegen Patriarchat und Feminizide in Österreich.
Der Podcast zeigt auch, dass uns diese Praxis nicht vollkommen fremd ist. Es gibt auch andere Beispiele. Wir haben das reichhaltige Wissen des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands, Initiativen wie den Verein Alpine Peace Crossing oder Bücher wie „Wir bewegen uns doch“. Das Problem ist, dass wir uns als Bewegung(en) nicht systematisch darauf beziehen. Es fehlt das kollektive Gedächtnis bzw. Bewusstsein darüber. In Deutschland hat die Initiative Geschichte & Widerstand gezeigt, wie beides wieder gestärkt werden kann. Mit ihrem Wimmelbild „Die unendliche Geschichte“ hat sie eine kreative – und mit Bezugnahme auf das Geschichtsverständnis der kurdischen Freiheitsbewegung theoretisch fundierte – Methode zur Darstellung widerständiger Geschichte in Deutschland gefunden.
„A struggle without society, is not a struggle“
Die Stärkung unserer Analysefähigkeit und unseres Geschichtsverständnis sind zwei Beispiele, was wir durch einen systematischen Austausch mit internationalistischen Strukturen gewinnen können. Sie werfen Licht auf die Fragen „was wir wollen“ und „was wir tun“. Ein Austausch mit Genoss*innen in Rojava oder kurdischen Freund*innen in Wien beleuchtet aber auch die Frage „für wen“ wir uns organisieren. Die Genoss_innen sind oft irritiert davon, wie entfremdet unsere politische Praxis von den konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen ist. Das haben auch Diskussionen auf der Peoples‘ Platform Europe im Februar in Wien gezeigt. Der zuvor zitierte Vertreter aus Rojava meinte dazu schlicht: „A struggle without society, is not a struggle.“
Auch hier zeigt sich in unseren Breitengraden in jüngerer Zeit ein Umdenken. Haustür-Gespräche liegen in Österreich wie in Deutschland im Trend – nicht nur im Parteienspektrum, sondern auch in Bewegungen. Aktivist*innen der Klimagerechtigkeitsbewegung organisieren sich mit Buslenker*innen und Landwirten. Und nicht nur auf einer Strategieklausur in den letzten Monaten wurde der Beratungs-Organisierungs-Ansatz zum Aufbau einer Stadtteilgewerkschaft diskutiert. Das sind gute Entwicklungen, die sich im Austausch mit internationalistischen Erfahrungen noch schärfen lassen. Eine solche Schärfung sollte auch einen kritischen Blick auf die eigene gesellschaftliche Positionierung beinhalten, wenn wir ehrlich miteinander in Kontakt treten wollen.
Organize Global – Organize Local
Wie navigieren wir nun zwischen den Aufgaben, die sich auf lokaler, regionaler und globaler Ebene stellen? Lange Zeit galt der Spruch „Think Global, Act Local“ dafür als anleitend. Global zu denken und lokal zu handeln, sind aber als Handlungsperspektive zu vage. Wenn wir wirklich gewinnen wollen, müssen wir uns sowohl lokal als auch global organisieren. Wir müssen uns aufeinander beziehen, miteinander in Austausch sein und auf den entsprechenden Ebenen gemeinsame Strategien und Interventionen entwickeln. Dabei dürfen wir auch groß denken: Wie ist dieses tödliche EU-Migrationsregime tatsächlich aufzuhalten? Wie können wir uns wirkungsvoll gegen Kriege der Herrschenden stellen? Welche Alternativen bauen wir langfristig auf?
Um dorthin zu kommen, braucht es jede Menge Grundlagenarbeit. Auch diese wird zwischen lokaler und globaler(er) Ebene pendeln. Wir müssen uns in unseren Städten über Gruppen hinweg stärker gemeinsam politisch bilden, (Bewegungs-)Wissen kollektiv zugänglich machen und strategisch diskutieren. Das Ziel ist es nicht, sich in allem einig zu sein. Stattdessen geht es darum, in unseren Unterschieden eine gemeinsame Basis zu schaffen, die uns handlungsfähig macht. Diese Handlungsfähigkeit erlaubt es auch, uns auf regionaler Ebene besser zu vernetzen und ähnliche Diskussionen zu führen. Die „Peoples’ Platform Europe“ ist ein Beispiel dafür, dass es solche Versuche aktuell gibt.
Unter anderem unter dem Eindruck der Plattform gibt es auch in Wien aktuell Versuche, lokale Organisierung mit internationalistischer Perspektive zu stärken. Nach außen sichtbare Ergebnisse zeigen sich hoffentlich im Laufe des nächsten Jahres. Unabhängig davon sollten wir uns jedoch bewusst machen, dass Organisierung Zeit braucht. Es sein noch einmal an das anfängliche Buch erinnert. Wenn die Genoss*innen darin die Geschichte der Frauenrevolution in Rojava erzählen, beginnen sie in den 1970ern.
Unsere Sommerreihe wird mit Bildern von Jlo begleitet. Die Fotografien stammen aus einem Fundus alter Dias. Sie wurden in den ersten Lockdowns der Corona-Pandemie angeschafft, um zu Hause mit Bezugspersonen Diashows im Stil der Großelterngeneration zu veranstalten, diese mit ausgedachten Geschichten zu untermalen und gemeinsam zu lachen. Durch verschiedene Arten von Schimmel und langem Aussetzen in Feuchtigkeit sind viele der Dias verfremdet worden. Hierdurch zersetzen sich die Motive zu spannenden Farbformen. Jlo versucht, diesen Prozess selbst herzustellen und als Kunstprojekt aufzugreifen.
Hier könnt ihr die bisherigen Artikel des Strategy Summer 2025 lesen:
Wofür kämpfen, was gibt es zu gewinnen? – Prolog zum strategy summer 2025
„Und lasst die Erde erzittern zum Gebrüll unserer Freund*innenschaft“
Lässt sich gegen Bodeneigentum langfristig gewinnen? Beobachtungen aus der Comunidad María Auxiliadora
Die zweite Pubertät – Älterwerden in der politischen Organisierung