Lässt sich gegen Bodeneigentum langfristig gewinnen? Beobachtungen aus der Comunidad María Auxiliadora

Der Comunidad María Auxiliadora gelang es über Jahre einen Ort leistbaren Wohnens, gegenseitiger Sorge und Schutz vor Gewalt und Armut – vor allem für Frauen – zu schaffen. Notwendig dafür war ein gemeinsames Verständnis ihres Territoriums am Rande der bolivianischen Metropolregion Cochabamba. 25 Jahre nach der Gründung besucht mosaik-Redakteurin Agnes Sieben den Ort und versucht zu verstehen, was diesen Traum vom kollektiven Eigentum am Ende scheitern ließ. Was bleibt für ein Gewinn, wenn das große Ziel nicht erreicht wird?

Juanita breitet auf dem Tisch in ihrem Wohnzimmer Pläne und Fotos ihres Stadtviertels aus, während sie von ihrem Leben in den letzten Jahrzehnten dort erzählt. Ihr liebevoll eingerichtetes Haus steht im Herzen der Comunidad María Auxiliadora, einem Stadtviertel in den Randbezirken der rund zwei Millionen Einwohner*innen großen Metropolregion Cochabamba in den bolivianischen Anden. Die Comunidad, wie Juanita schmunzelnd erzählt, hat ihren religiös anmutenden Namen von den vielen Marías erhalten, die hier zu Beginn wohnten.

Auf der Suche nach Strategien des Widerstands gegen die Inwertsetzung von urbanem Boden vernetzte mich ein Kollege von der Universität in Cochabamba mit Bewohner*innen der im Jahr 1999 gegründeten Comunidad María Auxiliadora. Diese hatte sich zum Ziel gesetzt, ein Stadtviertel zu sein, indem der Boden allen gehört, um explizit leistbaren Wohnraum für Frauen zu schaffen und ein Ort kollektiver Sorgearbeit zu werden. Viele der rund 400 Frauen, die mit ihren Familien in das Stadtviertel zogen, waren zum Zeitpunkt des Zuzugs alleinerziehend oder von den gängigen Verfahren der Landaneignung finanziell ausgeschlossen.

Wenn Informalität das Formelle dominiert

Von Juanitas Dachterrasse aus schweift der Blick über das ansteigende Stadtviertel im Abendlicht. Auch wenn die Häuser liebevoller gestaltet, die Aufteilung durchdachter geplant erscheint und es mehr Häuser ohne hohe Mauern und öffentliche Grünflächen gibt, unterscheidet sich das Stadtviertel auf den ersten Blick nicht wesentlich von den vielen peripheren Stadtvierteln, die immer weiter ins Umland der Metropolregion wuchern. Die rasante urbane Expansion bolivianischer Städte wird durch den Prozess irregulärer Landnahme – meist durch den Kauf auf dem informellen Bodenmarkt, über den 80 Prozent der Landkäufe abgewickelt werden – und der darauffolgenden selbst organisierten Besiedlung angetrieben.

Nach und nach wird das eigene Haus aus eigener Kraft gebaut und die gesamte urbane Infrastruktur erschlossen: Es wird Strom verlegt, Trinkwasserbrunnen werden gebohrt, Straßen werden gefestigt und Buslinien werden angeworben. Dafür bilden sich meist schon vor dem Landkauf Nachbarschaftsorganisationen, die diese Prozesse durch verpflichtende Versammlungen, Beitrags- und Arbeitspflichten sowie informelle Bestimmungen wie beispielsweise Leerstandsabgaben organisieren. Vor allem aber erfüllen diese Organisationen die Funktion, die noch nicht juristisch anerkannten Eigentumstitel bis zu deren Regulierung abzusichern.

Eine Straße in Cochabamba, an das auch die Comunidad María Auxiliadora angrenzt

Die Alltäglichkeit und Dominanz informeller, selbst organisierter Organisationsformen quer durch die bolivianische Gesellschaft und Wirtschaft sprengt alle europäischen Gewohnheiten eines staatlich institutionalisierten Alltags. So arbeiteten in Bolivien im Jahr 2023 80,8 Prozent der Bevölkerung informell, bei den Frauen waren es sogar 83 Prozent. Diese Zahlen liegen weit über dem lateinamerikanischen Durchschnitt. Das bedeutet konkret, dass acht von zehn Arbeitnehmer*innen keinen formellen Arbeitsvertrag, keine Krankenversicherung und keinen Anspruch auf Rente haben.

Gerade in Krisenzeiten wie den letzten Monaten, als das Land unter Devisenknappheit und einer Inflationsrate von über 20 Prozent litt, wird die Prekarität dieses Arbeitsmodells deutlich. Es ist unter anderem vom Import günstiger Waren und deren Verkauf sowie von der Subvention von Treibstoffen abhängig. Gleichzeitig beruht dieses Modell auf einer bewundernswerten Organisationsdisziplin sowie einer genossenschaftsähnlichen Organisation fast aller Bereiche der täglichen Reproduktion wie dem Marktwesen, dem Transport oder der Urbanisierung. Dies ist auf eine Mischung aus indigener Tradition und jahrzehntelanger staatlicher Ausgrenzung zurückzuführen.

Das koloniale Erbe des Privateigentums

Allerdings, wie unter anderem der bolivianische Stadtforscher Juan E. Cabrera betont, ist der nachhaltige und eigenständige Wirkungsbereich informeller Institutionen in einem einzigen Punkt begrenzt: Die Eigentumsrechte. In diesem Bereich sind informelle Normen, insbesondere in städtischen Gebieten, nicht langfristig durchsetzbar. Darauf lässt sich auch die zunehmende Depolitisierung der Nachbarschaftsorganisationen in den letzten Jahren zurückführen, deren Organisationsdisziplin mit dem Erlangen formeller Eigentumsrechte endet. Ab diesem Zeitpunkt übernimmt nicht nur der Staat die Aufgabe, das Eigentum abzusichern. Die Mitglieder der Organisation müssen die Nutzung des Bodens auch nicht mehr gegenüber der Organisation rechtfertigen.

In Cochabamba lässt sich flächendeckend beobachten, dass neu entstandene Nachbarschaftsorganisationen, nachdem sie das Stadtviertel über Jahre hinweg selbst finanziert und organisiert bewohnbar gemacht haben, rückwirkend juristische Landtitel von der Stadt erhalten. Somit werden sie in den formellen Landmarkt integriert. Diese Mechanismen sind zwar nach wie vor wichtig für die Wohnraumversorgung und dienen als sicherste Alltagsvorsorge. Allerdings missbrauchen die Akteur*innen, besonders die Landverkäufer*innen des informellen Bodenmarkts, zunehmend die Funktion der Nachbarschaftsorganisationen zu Spekulationszwecken mit zukünftigen Bodenrenten. Sie profitieren von der damit einhergehenden Wertsteigerung und geben nicht immer einlösbare Versprechen der zukünftigen Anerkennung des Landes. Wie sich also zeigt, ist es die stetige Inwertsetzung von Boden, die andere Interessen der Gemeinschaft verdrängt.

Boden und seine soziale Funktion

Irgendwann während des Gesprächs kramt Juanita das kleine Büchlein der bolivianischen Verfassung hervor. Hier fand sich die Hoffnung der Bewohner*innen der Comunidad. Um ihre Gemeinschaft langfristig vor der Spekulation zu sichern, kämpften sie für eine juristische Anerkennung als kollektives Eigentum. Im Anspruch des Gemeineigentums unterschied sich ihr Projekt grundlegend von anderen Nachbarschaften. Alle Bewohner*innen zahlten in geringen Raten Nutzungsrechte des Bodens ab, auf dem sie ihr Haus bauten. Dabei wurde der Preis des Bodens eingefroren. Bei einem Wegzug konnte das Grundstück zum selben Preis sowie zu den Produktionskosten des Hauses weitergegeben werden.

Die im Jahr 2009 in Kraft getretene Verfassung wurde für ihre progressive Ausrichtung und ihren partizipativen Prozess oftmals gelobt. Unter anderem erkennt sie in Artikel 19 die soziale Funktion des Bodens an. Diese geht mit einer Anerkennung von Land als Gemeineigentum einher. Diese Praxis ist seit je her in indigenen Gemeinschaften im ländlichen Raum üblich, wo es somit zur Verweigerung von Privateigentum kommt. Wenn also die soziale Funktion des Bodens, das heißt seine landwirtschaftliche Nutzung, nicht erfüllt wird, wird er der Gemeinschaft zurückgegeben. Auch die Comunidad María Auxiliadora verstand die gemeinschaftliche Bodenverwaltung wie im ländlichen Raum als Voraussetzung für den Zusammenhalt der Gemeinschaft.

Wenn geteilter Raum zu geteilter Sorgearbeit verpflichtet

In der indigenen ländlichen Tradition stehend wurde die Comunidad María Auxiliadora somit als Territorium verstanden, welches soziale Bindungen und gegenseitige Verantwortung impliziert. Damit wurden die Bedürfnisse der Nachbarschaft als gemeinsame betrachtet. Diese Bedürfnisse gehen über den individuellen Hausbau hinaus und äußern sich in gemeinsamer Sorgearbeit. Es ging also nicht nur darum, explizit Bauland nur an Frauen zu vergeben. Es wurden auch eigene Einrichtungen für Sorgearbeit, wie etwa eine gemeinsame Kinder- und Jugendbetreuung geschaffen. Zudem wurde präventiv gegen häusliche Gewalt der Verkauf von alkoholischen Getränken verboten. Außerdem gab es ein Unterstützungskomitee für Familien, das bei innerfamiliärer Gewalt intervenierte.

In der Metropolregion Cochabamba liegt auch die Comunidad María Auxiliadora

Die Maßnahmen dieses Familienunterstützungs-Komitees ähnelten denen, die in ländlichen Gemeinden angewendet wurden. In städtischen Gebieten fühlt sich die Nachbarschaft normalerweise dafür nicht zuständig, erzählte ein Bewohner. Bei häuslicher Gewalt wenden sich Betroffene in der Regel direkt an die Polizei oder an städtische Behörden. Oftmals würden diese die Fälle jedoch ablehnen. Das ist unter anderem der Grund für die hohe Rate an Femiziden im Land. Auch wenn diese in den letzten Jahren rückläufig war, wurden in Bolivien im vergangenen Jahr 84 Femizide registriert.

Doch auch die Gemeinschaftsarbeit ging über die Bereitstellung der allgemeinen Infrastruktur hinaus. Juanita erinnert sich an anstrengende Jahre, in denen es keinen Tag Pause gab, die aber auch voller prägender Momente waren. „Glaubst du, ich hätte ein Haus wie dieses gehabt, wenn ich woanders gewesen wäre?“ fragt mich Juanita. „Unmöglich. Weißt du, warum ich dieses Haus habe? Weil wir uns gegenseitig beim Bauen geholfen haben.“

Fehlende Absicherung

Wie viele andere Menschen in Bolivien ist Juanita von den leeren Versprechungen der Regierungsjahre Evo Morales und der fehlenden Umsetzung der Verfassung enttäuscht. Der jahrelange Kampf der Comunidad María Auxiliadora um die Anerkennung ihres Landes als Gemeineigentum blieb erfolglos. Da sie von staatlicher Seite nie eine juristische Absicherung des Gemeinschaftseigentums erhielten, war ihre Existenz stets fragil. Sie war vom sozialen Zusammenhalt, also der informellen Anerkennung des kollektiven Eigentums, abhängig.

Neben der bewussten Bevorteilung von Frauen in der politischen Struktur der Comunidad, die von den Männern als Diskriminierung verleumdet wurde, war die gesellschaftliche Wahrnehmung des Bodens als Investition zur Vorsorge ein großes Streitthema in der Comunidad. Einige Bewohner*innen, insbesondere später Zugezogene und deren Ehemänner, fühlten sich in diesem Zusammenhang um ihren Besitz betrogen. Dabei spielte der politische und ökonomische Druck eine immense Rolle. Manolo, der Sohn der Gründerin der Comunidad, betont: „Um individuelles Eigentum zu haben und frei darüber verfügen zu können, musste die Organisation aufgelöst werden. Sie war die Hüterin des kollektiven Eigentums. Doch mit dem Einsetzen männlicher Führungspersönlichkeiten und der Diskreditierung weiblicher Führungspersönlichkeiten […] wollten die Gegner die Hüterin des kollektiven Eigentums brechen.“

Durchsetzung des Privateigentums

Nachdem die Infrastruktur gemeinsam bereitgestellt worden war, zeigte sich, dass sich nicht das Interesse am kollektiven Eigentum, sondern die Interessen einiger Bewohner*innen am Privateigentum durchsetzen konnten. Erst mit der juristischen Anerkennung der Grundstücke als Privateigentum ab 2017 wurde auch das Stadtviertel offiziell innerhalb der dezentralen Gemeindestruktur Boliviens als Teil der Metropolregion anerkannt und erhielt damit die Berechtigung, öffentliche Gelder zu empfangen. Viele Familien wohnen zwar weiterhin in ihren Häusern, doch andere der damaligen Bewohner*innen hatten ihr Grundstück bereits verkauft. Nach der Aufhebung der Preisobergrenze durch die Privatisierung stiegen die Preise innerhalb weniger Jahre von drei Dollar pro Quadratmeter auf 600 Dollar an der Hauptstraße und auf rund 200 Dollar weiter oben am Berg. Seit der Privatisierung des Eigentums gebe es die Comunidad, die Gemeinschaft, nicht mehr, erzählt Juanita, ohne groß nachzudenken, da damit die soziale Funktion des Bodens verloren gegangen sei.

Bis heute wurden im städtischen Raum keine Landtitel an eine Gemeinschaft, wie sie ländliche Dorfgemeinschaften erhalten haben, anerkannt. Die politische Verweigerung einer Anerkennung im Städtischen deutet nicht nur auf eine Ignoranz urbaner Indigenität im politischen Diskurs hin, sondern reiht sich auch in die historische Kontinuität einer Wirtschaftspolitik ein, die weiterhin auf die Ausbeutung natürlicher Ressourcen zielt. So hat sich der Handel mit Boden in Cochabamba zu einem der wertvollsten Wirtschaftszweige entwickelt, der viele Interessen mobilisiert.

Die Gegenwart gewinnen

Bereits auf der Hinfahrt in das Stadtviertel bahnte sich eine Untergangsstimmung an. Als wir aus dem Zentrum Cochabambas losfuhren, begann es sinnflutartig zu regnen. Das kleine Auto kämpfte sich fast eine Stunde lang durch die gefluteten Straßen, während der Scheibenwischer ununterbrochen arbeitete, um die Sicht trotz des Starkregens freizugeben. Während der Fahrt erzählte Manolo von seinem Aufwachsen in der Comunidad María Auxiliadora. Trotz der Traurigkeit und Enttäuschung, die auch in seinen Worten mitschwang, war er überzeugt, dass man nicht nur von einem Verlust sprechen könne. So wie er konnten viele andere in einer guten Umgebung aufwachsen.

Ein Hof mit einem Baum

Das Projekt war insofern erfolgreich, als dass ihre Eltern die Möglichkeit hatten, ihnen gute Bedingungen zu bieten, damit sie auf eigenen Beinen stehen können. „Wie lange braucht eine Familie Schutz vor Zwangsräumung, vor Scheidung und Trennung, vor häuslicher und familiärer Gewalt?“ denkt Manolo laut beim Fahren nach. „Bis das jüngste Kind 18 Jahre alt wird? Oder bis es sich mit einem Handwerk oder einem Beruf selbst versorgen kann? Wäre dann die Gültigkeitsdauer der Gemeinschaft der Zeithorizont von 15, 20 Jahren?“

Die Erfahrung der Comunidad María Auxiliadora wirft somit grundsätzlichere Fragen auf, etwa die nach der Zeitlichkeit, die auch für andere politische Kontexte und Projekte relevant sein können. Wie lange hält eine politische und soziale Dynamik außerhalb staatlicher Institutionalisierung an? Besonders im Hinblick auf das Thema Wohnen stellt sich die Frage: Wie lange kann man sich dem Druck des Marktes widersetzen? Dieser Druck von beiden Seiten ist es, durch den autonomen Projekten oft die Luft ausgeht.

Zurückblicken

Eine neoliberale Zeitlichkeit, die stets mit der Zukunft spekuliert, definiert plötzlich das Ziel der Gemeinschaft. Eben dieser Vorstellung von Zeitlichkeit, so Manolo, widerspricht die Sichtweise der Aymara, eines der einflussreichsten indigenen Völker Boliviens, deren Kultur das Land und die politische Neuausrichtung seit der Regierungszeit Evo Morales ab 2005 stark prägte. Manolo spricht weiter: „Wie sieht die Zukunft aus der Sicht der Aymara aus? Zurückblicken. Das bedeutet nicht, nach vorne zu schauen, sondern zurück, buchstäblich in die Vergangenheit zu schauen. Wozu soll ich ein Kolosseum bauen? Ich werde sterben.“

Der Moment, in dem linke Projekte die neoliberale Zeitlichkeit durchbrechen oder durcheinanderbringen, kann als Gewinn verstanden werden – auch wenn dieser Moment zeitlich begrenzt ist. Wenn für die Gegenwart gearbeitet wird – nicht, um als das beste und größte Stadtviertel in Erinnerung zu bleiben, sondern um jedes einzelne Leben zu prägen und zu schützen –, dann kann dieser Moment als Gewinn verstanden werden. So wie während der Regenzeit in Cochabamba. Plötzlich erblühen die sonst teilweise trostlosen Außenbezirke in voller Pracht. Die Probleme der Trockenheit und Wasserknappheit scheinen für einen Moment vergessen.

Unsere Sommerreihe wird mit Bildern von Jlo begleitet. Die Fotografien stammen aus einem Fundus alter DiasSie wurden in den ersten Lockdowns der Corona-Pandemie angeschafft, um zu Hause mit Bezugspersonen Diashows im Stil der Großelterngeneration zu veranstalten, diese mit ausgedachten Geschichten zu untermalen und gemeinsam zu lachen. Durch verschiedene Arten von Schimmel und langem Aussetzen in Feuchtigkeit sind viele der Dias verfremdet worden. Hierdurch zersetzen sich die Motive zu spannenden Farbformen. Jlo versucht, diesen Prozess selbst herzustellen und als Kunstprojekt aufzugreifen.

Alle weiteren Texte des Strategy Summer 2025 könnt ihr hier lesen!

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