Mann auf dem Motorrad und Mann mit Lasten schieben und fahren an einem alten Geschäft vorbei. Dort wurde Bier verkauft früher

Die Hoffnung in Trümmern: Wie kann es in Venezuela weitergehen?

Der Chavismo in Venezuela galt einst als radikale Hoffnung für den gesamten Globalen Süden. Jetzt liegt er in Trümmern. Aaron Tauss mit einer Bestandsaufnahme und der Frage nach Perspektiven.

Die venezolanische Geschichte erreichte am 3. Jänner 2026 einen tragischen Tiefpunkt. US-Spezialkräfte verschleppten mit der Entführung von Nicolás Maduro und seiner Frau Cilia Flores nicht nur ein Staatsoberhaupt. Sie liquidierten de facto die nationale Souveränität des Landes. Vier Monate nach diesem militärischen Überfall auf Caracas offenbart sich die bittere Realität. Venezuela ist zu einem neokolonialen Selbstbedienungsladen des US-Monopolkapitals degradiert worden: Was als „Wiederherstellung der Demokratie“ verkauft wird, entpuppt sich als aggressiver Beutezug westlicher Öl- und Bergbaukonzerne wie Chevron und Shell. Die Interimsregierung unter Delcy Rodríguez agiert unter der direkten Knute der Trump-Administration.

Forcierte Gesetzgebungen – insbesondere die „Reform“ des Kohlenwasserstoffgesetzes vom 29. Jänner – drehten die wirtschaftliche Uhr in Venezuela um über ein Jahrhundert zurück. Ausländische Energiekonzerne können nun Öl extrahieren und verkaufen, ohne dass der venezolanische Staat die Mehrheitskontrolle behält. Das bedeutet einen Rückfall in die Ära der Konzessionen des frühen 20. Jahrhunderts. Das „Quartett der kolonialen Administration“ (die Geschwister Rodríguez, Diosdado Cabello und Vladimir Padrino) fungiert dabei als Erfüllungsgehilfe Washingtons. Die radikale Linke steht hingegen vor den Trümmern eines Projekts, das einst Hoffnung für den gesamten Globalen Süden war.

Die aktuelle Situation: Depolitisierung und materielles Elend

Die Stimmung im Land ist von einer „angespannten Ruhe“ geprägt. Sie gründet jedoch weniger auf Stabilität als vielmehr auf Erschöpfung und tiefer Verwirrung. Die Geschwindigkeit, mit der die Gegenrevolution die Institutionen umgebaut hat, hat die Bevölkerung in eine Schockstarre versetzt. In den Umfragen zeigt sich eine beklemmende Depolitisierung: Das Streben nach Demokratie oder politischen Lösungen ist ans Ende der Prioritätenliste gerückt. Was zählt, ist das nackte Überleben. Die Erwartungen an eine Verbesserung der materiellen Lage sind dabei übersteigert hoch – fast schon verzweifelt. Politische Partizipation erscheint währenddessen als Luxusgut, das sich kaum jemand leisten kann.

Diese Fixierung auf das Wirtschaftliche ist das Resultat einer systematischen Zerstörung der Lebensgrundlagen. Seit spätestens 2018 hat eine neoliberale Politik die Löhne dezimiert. Heute verfügt Venezuela über eines der niedrigsten Lohnniveaus weltweit. Gleichzeitig stieg die extreme Armut laut UN-Zahlen Anfang 2024 auf 53 % an. Alles ist dollarisiert – Steuern, Dienstleistungen, Preise –, nur nicht die Löhne. Begleitet wurde dieser Prozess durch zwei verfassungswidrige Instrumente der Maduro-Regierung: Sie hebelten Kollektivverhandlungen de facto aus und deregulierten die Arbeitsbeziehungen radikal zugunsten des Kapitals. Die Folgen sind verheerend. Steigende Unterernährung und eine besorgniserregende Kindersterblichkeit zeichnen das Bild einer Gesellschaft am Abgrund.

Niederlage des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“

Die US-amerikanische Aggression vom 3. Jänner markiert einen tiefen Einschnitt in die politische Entwicklung Venezuelas. Sie hat nicht nur eine neue Form neokolonialer Abhängigkeit etabliert. Sie hat zugleich die historische Niederlage des bolivarischen Projekts und des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ offengelegt. Diese Niederlage ist nicht allein militärisch oder geopolitisch zu verstehen, sondern vor allem politisch-gesellschaftlich. Sie zeigt sich in der Abwesenheit einer autonomen, selbstorganisierten und massenhaften Gegenreaktion aus der Bevölkerung. Weder staatstragende noch oppositionelle linke Kräfte sind bislang in der Lage gewesen, eine breite antiimperialistische Mobilisierung zu initiieren.

Die venezolanische Linke steht vor der Herausforderung, ihre strategische Ausrichtung grundlegend zu überdenken. Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Krise zeigt sich soziale Unzufriedenheit derzeit vor allem entlang materieller Fragen – insbesondere im Hinblick auf Löhne und Lebenshaltungskosten. Explizit anti-kapitalistische oder anti-imperialistische Diskurse verbleiben im Hintergrund. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, politische Strategien konsequenter an den konkreten Lebensrealitäten der Bevölkerung auszurichten.

Emanzipatorische linke Kräfte in Venezuela befinden sich gegenwärtig in einer Phase der Schwäche. Ein kurzfristiges Wiedererstarken erscheint daher wenig wahrscheinlich. Die Gründe hierfür liegen nicht zuletzt in der politischen Praxis des Madurismo. Durch Repression, autoritäre Regierungsführung und neoliberale Anpassungspolitiken hat es seine gesellschaftliche Legitimität untergraben. Die Folge ist eine tiefgreifende Krise politischer Repräsentation. In dieser betrachten Teile der Bevölkerung – aus Ermüdung und Perspektivlosigkeit – sogar eine externe „Ordnungsmacht“ als geringeres Übel. Diese Konstellation erschwert jede Form linker Mobilisierung erheblich.

Re-Demokratisierung und neue Bündnisse

Vor diesem Hintergrund wird die Re-Demokratisierung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Venezuela zur zentralen strategischen Aufgabe. Für die nicht-maduristische Linke bedeutet dies, eigene Schwächen kritisch zu reflektieren: Sie muss Sektierertum, politische Selbstbezogenheit und fehlende Anschlussfähigkeit an breite Bevölkerungsschichten überwinden. Eine glaubwürdige Alternative kann nur entstehen, wenn es gelingt, soziale Kämpfe, demokratische Forderungen und nationale Souveränität miteinander zu verbinden.

Dafür ist die Entwicklung eines neuen politischen Projekts wichtig. Es muss an die weiterhin vorhandenen – wenn auch abgeschwächten – nationalen und sozialen Identitäten anknüpfen. Trotz aller politischen Enttäuschungen existieren in der venezolanischen Gesellschaft nach wie vor latente antiimperialistische und souveränitätsorientierte Einstellungen. Diese könnten sich im Zuge einer weiteren Vertiefung der US-Dominanz wieder verstärken und neue politische Dynamiken eröffnen. Die zunehmende Zuspitzung des Widerspruchs zwischen imperialer Kontrolle und nationaler Selbstbestimmung birgt das Potenzial für neue Bündniskonstellationen – auch zwischen bislang gegensätzlichen politischen Kräften.

Solche Bündnisse müssen sich sowohl gegen autoritäre Tendenzen im Inneren als auch gegen externe Kontrolle richten. Dabei sollte es ihnen gelingen, insbesondere Arbeiter*innen, städtische Unterschichten, Jugendbewegungen sowie kritische Teile des Chavismo einzubeziehen. Gerade diese kritischen Teile sind von besonderer Bedeutung. Der Chavismo verfügt trotz seiner Krise weiterhin über einen nicht zu vernachlässigenden gesellschaftlichen Rückhalt. Eine progressive Strategie wird daher nur erfolgreich sein, wenn sie auch Widersprüche innerhalb dieses Spektrums aufgreift und politisch kanalisiert.

Aus Erfahrungen und Fehlern lernen

Darüber hinaus ist die ideologische Auseinandersetzung von zentraler Bedeutung. Die Geschichte der bolivarischen Revolution darf weder unkritisch verklärt noch pauschal delegitimiert werden. Vielmehr bedarf es einer differenzierten Aufarbeitung, die sowohl die realen sozialen Fortschritte als auch die strukturellen Defizite in den Blick nimmt. Nur auf einer solchen Grundlage kann eine neue politische Erzählung entstehen, die an vergangene Erfahrungen anknüpft, ohne deren Fehler zu wiederholen. Dazu gehört an prominenter Stelle, das Problem des rentenbasierten, extraktivistischen Entwicklungsmodells zu adressieren. Die fortgesetzte Abhängigkeit von Rohstoffexporten hat nicht nur ökonomische Verwundbarkeiten geschaffen. Sie hat auch zur Reproduktion hierarchischer Machtstrukturen und zur Herausbildung neuer Eliten beigetragen. Eine nachhaltige Alternative erfordert daher sowohl eine Diversifizierung der Produktionsstrukturen als auch eine Demokratisierung wirtschaftlicher Entscheidungsprozesse.

In diesem Zusammenhang wird auch eine grundlegende theoretische Einsicht erneut bestätigt: Nationalisierungen allein führen nicht automatisch zur Vergesellschaftung von Produktionsmitteln. Eine sozial transformative Dynamik kann nicht primär „von oben“ durch staatliche Intervention erzeugt werden. Sie muss aus einer autonomen gesellschaftlichen Praxis hervorgehen. Dies bedeutet eine strategische Verschiebung: weg von einer staatszentrierten Transformationslogik hin zu einer Perspektive, die gesellschaftliche Selbstermächtigung und kollektive Organisationsprozesse ins Zentrum stellt.

Die Erfahrungen mit Kommunalräten und Kommunen zeigen, dass partizipative Strukturen in Sinne einer umfassenden gesellschaftlichen Demokratisierung aufgebaut wurden. Die Regierung schränkte sie jedoch in ihrer Unabhängigkeit ein – durch staatliche Kontrolle und bürokratische Einbindung. Eine zukunftsorientierte linke Strategie müsste daher auf die Stärkung basisdemokratischer Strukturen abzielen. Das umfasst ihre Loslösung von staatlichen und parteipolitischen Apparaten sowie die Förderung von Genossenschaften und Formen der Arbeiter*innen-Selbstverwaltung.

Zwischen Souveränität, Demokratie und gesellschaftlicher Transformation

Die gegenwärtige Situation in Venezuela ist durch eine tiefgreifende Krise politischer Repräsentation, sozialer Desintegration und externer Dominanz geprägt. Aus linker Perspektive ist kurzfristig vor allem die Zusammenarbeit unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte entscheidend, um der zunehmenden äußeren Kontrolle entgegenzutreten. Dabei geht es weniger um ideologische Übereinstimmung. Wichtiger ist, die Schaffung eines minimalen politischen Konsenses zur Verteidigung nationaler Selbstbestimmung und demokratischer Rechte. Diese Phase wird notwendigerweise von Widersprüchen geprägt sein. Sie bietet jedoch zugleich die Grundlage für weitergehende Veränderungsprozesse.

Langfristig stellt sich die Frage nach einer grundlegenden Neuausrichtung linker Politik. Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen können nicht vorrangig über institutionelle Macht oder parteipolitische Strategien erreicht werden. Das legen die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte nahe. Vielmehr bedarf es einer Kombination aus gesellschaftlicher Mobilisierung, basisdemokratischer Organisation und politischen Eingriffen. Die Transformation sozialer Machtverhältnisse ist dabei nicht als einmaliger Akt zu verstehen. Sie ist ein langfristiger, konflikthafter Prozess.

In diesem Sinne markiert die gegenwärtige Krise nicht nur einen historischen Tiefpunkt. Sie ist auch ein potenzieller Ausgangspunkt für neue politische Entwicklungen Venezuelas. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob es gelingt, aus den Erfahrungen vergangener Kämpfe zu lernen und eine erneuerte Form emanzipatorischer Politik zu entwickeln – eine Politik, die über die Errungenschaften, aber auch die Widersprüche und Fehlentwicklungen des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ hinausweist.

Foto: Camargo Anthony via pexels

  • Aaron Tauss ist Autor und Dozent am Institut für Nachhaltigkeit und Gesellschaftswandel an der Wirtschaftsuniversität Wien.

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